Bundesärztekammer

Noch zu wenig Wissen über medizinische Anwendung von Cannabis

Die medizinische Wirkung von Cannabis ist bislang noch nicht ausreichend wissenschaftlich untersucht. Zu diesem Schluss kommt eine Arbeitsgruppe der Bundesärztekammer (BÄK). Die Verordnung von Cannabis-Mitteln könne daher eigentlich auch nicht befürwortet werden.

Wie gut wirken Cannabis-Medikamente? Dazu gibt es laut BÄK noch keine aussagekräftigen Studien.
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„Wir wissen noch viel zu wenig darüber, ob und wie Arzneimittel auf Cannabis-Basis wirken. Die Studienlage hierzu ist deutlich schwächer, als in der Öffentlichkeit allgemein angenommen wird.“ Dieses Fazit zog Dr. Josef Mischo, Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Sucht und Drogen“ der Bundesärztekammer (BÄK) nach einem Erfahrungsaustausch über aktuelle suchtmedizinische Themen in Berlin. „Wir müssen auf der Grundlage von wissenschaftlichen Studien sehr genau prüfen, ob Cannabis tatsächlich eine therapeutische Alternative sein kann. Gerade angesichts der großen Hoffnungen, die viele Patienten in Cannabis-Therapien setzen, müssen wir unvoreingenommen Chancen und Risiken offenlegen, auch und gerade im Vergleich mit herkömmlichen Therapien“, sagte Mischo laut einer Mitteilung der BÄK. Der Co-Vorsitzende der BÄK-Arbeitsgruppe, Erik Bodendieck, betonte, dass es derzeit keine ausreichende wissenschaftliche Evidenz gebe, um Cannabis-Verordnungen zu befürworten.

Die Arbeitsgruppen-Vorsitzenden bezogen sich dabei auf die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Cannabis: Potential und Risiken (CaPRis)“. Das Projekt war von der Ludwig-Maximilians-Universität München im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt worden. Die Studie fasst den aktuellen Forschungsstand zum Thema Cannabis zusammen. Dargestellt werden sowohl die Risiken des Cannabiskonsums zu Rauschzwecken als auch der Nutzen von Cannabinoiden zum medizinischen Gebrauch. Geleitet wurde die Meta-Studie von Privatdozentin Eva Hoch von der LMU-München und Privatdozentin Miriam Schneider von der Universität Heidelberg.

Ein medizinischer Nutzen sei bei der Indikation „Übelkeit und Erbrechen bzw. Appetitstimulation“ bei mit Zytostatika behandelten Krebskranken und bei Menschen mit HIV/AIDS gefunden worden Darüber hinaus wurde eine leichte Symptomlinderung bei chronischen Schmerzen festgestellt. Auch die Spastizität bei Multipler Sklerose könne den Studien zufolge gemindert werden.

Inkonsistente Ergebnisse bei meist unzureichender Studienlage liegen laut den Autoren im Bereich der gastrointestinalen, neuroinflammatorischen, neurologischen und psychischen Erkrankungen vor. Hinsichtlich der Verträglichkeit und Sicherheit zeige die Studienlage klar, dass Nebenwirkungen der Cannabisarzneimittel durchaus gehäuft auftreten könnten, meist aber transient und nicht schwerwiegend seien. Die Befunde zum medizinischen Einsatz von Cannabis lassen, so eine Schlussfolgerung, „aufgrund von fehlender Evidenz derzeit keine Aussagen über vielfältige Indikationsstellungen zu, die fortlaufend zu überprüfen sind“. Aufgrund des noch uneinheitlichen Forschungsstands und der begrenzten Datenlage sei bei vielen Krankheitsbildern noch keine Aussagen zur Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabisarzneimitteln gemacht werden könnten. Hier seien weitere Datenerhebungen notwendig.

Freizeit-Konsum von Cannabis besser erforscht

In der Meta-Studie kann daher ein detailreiches Bild unterschiedlich ausgeprägter Risiken für akuten und chronischen Konsum aufgezeigt werden. Zusammenfassend belegten die evidenzbasierten Fakten ein erhöhtes Risiko für negative psychische, organische und soziale Konsequenzen im Zusammenhang mit dem Freizeitgebrauch von Cannabis, so eine Schlussfolgerung der Autorinnen. So fänden sich zum Beispiel eindeutige Einschränkungen in der Gedächtnisleistung, der Aufmerksamkeit und der Psychomotorik. Außerdem könne sich Cannabis negativ auf die Atemfunktion und das Herz-Kreislaufsystem auswirken (zum Beispiel Herzinfarkt und Bluthochdruck) auswirken, zudem auf die psychische Gesundheit. Cannabiskonsum steht auch im Zusammenhang mit Einbußen im Bildungserfolg und kann abhängig machen. Besondere Risiken liegen im frühen Konsumbeginn in der Adoleszenz, intensiven Gebrauchsmustern sowie dem Co-Konsum von Tabak. Laut Hoch und ihren Mitautoren sollten darüber hinaus auch die Risiken der synthetischen Cannabinoide hervorgehoben werden. Durch ihre potenzierte pharmakologische Wirksamkeit könnten starke und unvorhersehbare Effekte auftreten, die zu intensivmedizinischer Versorgung und Todesfällen geführt hätten. Hieraus ergebe sich die Notwendigkeit geeigneter Maßnahmen zur Aufklärung, Prävention und Risikominimierung und insbesondere zum Schutz von Jugendlichen. Die evidenzbasierten Fakten könnten auch die gesellschaftliche Diskussion um die juristische Bewertung der Substanz Cannabis bereichern.

Die Studienergebnisse würden bestätigen: „Kiffen ist kein harmloses Freizeitvergnügen. Cannabis kann abhängig machen – gerade auch in Hinblick auf die in den letzten Jahren stark angestiegenen THC-Gehalte der verwendeten Pflanzen“, sagt Bodendieck. Es sei wichtig, die Bevölkerung besser über die negativen Auswirkungen der Droge zu informieren.


29.11.2017 12:21:16, Autor: Dr. med. Thomas Kron