Neue Zahlen zur rheumatoiden Arthritis

Fachgesellschaft rät zu vorsichtiger Interpretation

Die Zahl der Patienten, die in Deutschland von einer rheumatoiden Arthritis (RA) betroffen sind, ist laut einer Auswertung des Versorgungsatlas vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung höher als bisher angenommen. Ältere Schätzungen gingen von einer Erkrankungshäufigkeit von etwa 0,8 bzw. 0,9 Prozent der Bevölkerung aus, tatsächlich habe die Zahl im Jahr 2014 bundesweit bei etwa 1,2 Prozent gelegen, so das ZI. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) geht davon aus, dass in Deutschland etwa 1,5 Millionen Menschen an einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung leiden. Das ZI nutzte die vertragsärztlichen Abrechnungsdaten der Jahre 2009 bis 2015 (ICD10-Kodierung) als Grundlage für die Berechnungen.



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Laut ZI nehmen außerdem immer mehr RA-Patienten die vertragsärztliche Versorgung in Anspruch. Während im Jahr 2009 nur etwa 526.000 gesetzlich Krankenversicherte wegen einer RA in ärztlicher Behandlung waren, waren es 2015 rund 666.000  Patienten. Dies entspricht einem Zuwachs von 24 Prozent bzw. 140.000 zusätzlich behandelten RA-Patienten in sechs Jahren. Nach Angaben der Fachgesellschaft stieg von 2009 bis 2015 die Häufigkeit dieser Abrechnungsdiagnose von 0,87 Prozent auf 1,08 Prozent aller Versicherten. Beide Zahlen lägen etwa in dem Bereich von epidemiologischen Erhebungen zur Prävalenz der RA im letzten Jahrzehnt.

Der Anteil der RA-Patienten ist in den jeweiligen Bereichen der Kassenärztlichen Vereinigungen unterschiedlich hoch, wobei sich nur bedingt ein klares Muster abzeichnet. Insgesamt liegt im Süden die Erkrankungshäufigkeit etwas niedriger als im Norden, allerdings weisen die Stadtstaaten Hamburg und Bremen wiederrum etwas geringere Erkrankungszahlen als die umliegenden Flächenländer auf. Ähnlich sieht es bei den jährlichen Neuerkrankungen aus. Die geringste Neuerkrankungsrate weist der KV-Bereich Nordrhein mit statistisch 71,3 Patienten pro 100.000 Versicherte und Jahr auf, während in Mecklenburg-Vorpommern jährlich 105,6 Patienten pro 100.000 neu erkranken. Die Gründe für diese regionalen Unterschiede sind nicht bekannt.

Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und einer älter werdenden Bevölkerung ist mit einer stetigen Zunahme an Rheuma-Patienten zu rechnen. Es ist daher davon auszugehen, dass die Erkrankung im ärztlichen Versorgungsalltag an Bedeutung gewinnen wird.

Mehr Erkrankungen oder anderes Kodierverhalten?

Die Fachgesellschaft der Rheumatologen (DGRh) rät, die Daten zur Krankheitshäufigkeit gewissenhaft zu interpretieren. Die Gründe für ein solches Ergebnis könnten vielfältig sein. Zweifelsohne sei bei zunehmend guten Behandlungsmöglichkeiten auch der Behandlungsbedarf gestiegen. Umso wichtiger sei es, dass Rheumatologen die richtige Diagnose stellen beziehungsweise bestätigen, damit Betroffene frühestmöglich und korrekt behandelt werden können.

Das ZI interpretiert die Ergebnisse als Hinweis auf eine wachsende Bedeutung der RA in der vertragsärztlichen Versorgung auf Grundlage einer Erkrankungshäufigkeit, die höher scheine als bisher angenommen. „Wir wissen jedoch nicht, ob der beobachtete Anstieg auf eine tatsächliche Zunahme der Krankheit zurückgeht“, beurteilt Professorin Dr. Angela Zink vom Deutschen Rheumaforschungszentrum ( DRFZ) in Berlin die Ergebnisse. Dies könne ebenso an einem veränderten Kodierverhalten der Ärzte liegen, die bei der Abrechnung mit den Krankenkassen bestimmte Ziffern für bestimmte Diagnosen angeben.

„Abrechnungsdiagnosen unterliegen grundsätzlich vielfältigen Einflussfaktoren“, so Zink. Schon die Tatsache, dass Rheuma früher erkannt wird oder eine höhere Lebenserwartung dank besserer Therapien könne zu einem Anstieg der Zahl der Behandelten führen. Großen Einfluss nimmt auch die Qualität der Diagnosen, die selbst nicht immer sicher sind. „Deshalb und vor allem um die Situation der Betroffenen zu verbessern, ist es besonders wichtig, dass internistische Rheumatologen die Patienten versorgen“ betont Professor Dr. Hanns-Martin Lorenz, Präsident der DGRh aus Heidelberg.

Denn Rheuma beginne oft mit leichten Symptomen und unklaren Anzeichen, sagt Lorenz. Chronische Entzündungen könnten jedoch schon zu Beginn der Erkrankung zu zum Teil irreversiblen Schäden führen. Eine frühe Diagnose und eine frühe Therapie seien deshalb wichtig: Nur so lassen sich Folgeschäden bei den Menschen mit Rheuma vermeiden und die Lebensqualität der Patienten auch nachhaltig verbessern.


29.11.2017 11:36:35, Autor: Dr. med. Thomas Kron