SICA-HF-Studie

Appetitlosigkeit verschlechtert Prognose von Herzkranken

Herzinsuffizienz-Patienten, die an Appetitlosigkeit leiden, sind dadurch zusätzlich in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Außerdem ist ihre Prognose verschlechtert. Begünstigt wird die Appetitlosigkeit durch Schleifen-Diuretika, Entzündungen und durch ungewollten Gewichtsverlust. Dies zeigen Ergebnisse einer Untersuchung im Rahmen der EU-finanzierten SICA-HF-Studie (Studies Investigating Co-morbidities Aggravating Heart Failure).

Viele Herzschwäche-Patienten leiden an Appetitlosgkeit.
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Die Ergebnisse der Untersuchung von Wissenschaftlern um Privatdozent Dr. Stephan von Haehling von der Universität Göttingen und vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung sind im Fachmagazin „ESC Heart Failure“ erschienen.

Über 80 Prozent der Patienten mit Herzinsuffizienz sind ältere Menschen, die zum größten Teil auch an Begleiterkrankungen leiden. Diese zusätzlichen Gesundheitsprobleme beeinträchtigen Leistungsfähigkeit, Lebensqualität und Lebenserwartung der Patienten. Typische Begleiterkrankungen sind etwa Muskelschwund sowie ungewollter Gewichtsverlust durch den Abbau von Muskulatur. Auch Appetitlosigkeit wird bei Herzschwäche-Patienten häufig beobachtet. Dennoch war bislang wenig darüber bekannt, wie diese sich auf den Krankheitsverlauf bei den Patienten auswirkt. Stephan von Haehling und seine Kollegen haben daher zum einen untersucht, ob Appetitlosigkeit die körperliche Leistungsfähigkeit und die Überlebensrate der Herzschwäche-Patienten beeinträchtigt. Zum anderen haben sie nach Faktoren gefahndet, die zum Verlust des Appetits beitragen können.

Insgesamt 166 klinisch stabile, nicht-stationäre Herzinsuffizienz-Patienten wurden gefragt, ob sie ihren Appetit verloren haben. Ein Drittel bejahte diese Frage. Die körperliche Leistungsfähigkeit der Studienteilnehmer wurde unter anderem mit Gleichgewichtsübungen, einem 6-Minuten-Gehtest sowie Tests zur Ausdauer und Kraft ermittelt. Dabei zeigte sich, dass die Leistungsfähigkeit der Patienten mit Verlust des Appetits vergleichsweise schlechter war. Noch stärker eingeschränkt, war die Fitness, wenn zusätzlich zur Appetitlosigkeit (Anorexia) eine Kachexie vorlag.

Die Göttinger Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass das Sterberisiko im Laufe von zwei Jahren erhöht ist, wenn Herzinsuffizienz-Patienten weniger Appetit haben. Kachexie hatte auch hier einen zusätzlichen negativen Effekt. „Das Zusammenspiel von Kachexie und Appetitlosigkeit ist komplex und auch bei anderen chronischen Erkrankungen ein Problem“, erläutert von Haehling in einer Mitteilung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung. Betroffen sind bekanntlich alte Patienten, insbesondere mit einer Demenz-Erkrankung, sowie Krebs-Patienten. Bis zu zwei Drittel der geriatrischen Patienten seien mangelernährt, so die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie.

Bei etwa einem Drittel der stationär behandelten Tumor-Patienten in Deutschland werde eine Mangelernährung festgestellt, heißt es in einem Positionspapier der Arbeitsgemeinschaften in der Deutschen Krebsgesellschaft. 20 bis 30 Prozent aller Krebs-Patienten stürben an den Folgen einer Mangelernährung und nicht aufgrund ihrer malignen Erkrankung.

Auf der Suche nach Faktoren, die Appetitlosigkeit bei Herzschwäche begünstigen, fanden die Göttingr Wissenschaftler drei sogenannte unabhängige Vorhersagemerkmale: die Aktivierung von Entzündungshormonen, die Einnahme von Schleifen-Diuretika und Kachexie. „Bei Herzschwäche-Patienten liegen an sich schon erhöhte Entzündungswerte vor, wenn diese Werte noch überschritten werden, wird es wahrscheinlicher, dass der Appetit schwindet“, erklärt von Haehling. Vermutlich könnten Schleifen-Diuretika über den Verlust von Spurenelementen wie Zink dazu führen, dass der Geschmackssinn und damit auch der Appetit nachlasse, so der Kardiologe.

Weitere Ursachen für Appetitlosigkeit und unzureichende Ernährung sind Verlust des Geruchs- und Geschmackssinnes aufgrund neurologischer Erkrankungen, Vergesslichkeit, soziale Aspekte, Hilfsbedürftigkeit, Schmerzen, Schluckstörungen, etwa nach einem Schlaganfall, und gastrointestinale Erkrankungen.


27.11.2017 13:49:42, Autor: Dr. med. Thomas Kron