Plötzlicher Herztod

Wird der Einfluss des Diabetes mellitus unterschätzt?

Typ-2-Diabetes-Patienten und auch junge Typ-1-Diabetiker sind überdurchschnittlich gefährdet, einen plötzlichen Herztod zu erleiden, bestätigen Registerdaten aus Dänemark. Danach haben Diabetes-Patienten (Alter 1 bis 49 Jahre) im Vergleich zu Personen ohne diese Stoffwechselkrankheit ein um den Faktor 7 erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod innerhalb einer Dekade. Das Sterbe-Risiko insgesamt sei um den Faktor 5 erhöht, so der dänische Kardiologe Dr. Jesper Svane (Kopenhagen) beim Kongress der US-amerikanischen Herzgesellschaft in Anaheim.

Aus mehreren Studien sei bekannt, dass Patienten vor einem plötzlichen Herztod über Brustschmerzen oder Synkopen geklagt hätten. Vor allem bei Diabetes-Patienten sollte dies sehr ernst genommen werden, warnen dänische Wissenschaftler.
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Es sei seit langem bekannt, dass Diabetes-Kranke ein erhöhtes Risiko für mehrere Erkrankungen und meine verminderte Lebenserwartung hätten, so Jesper Svane. Seiner Ansicht nach werde aber nicht immer der Einfluss der Stoffwechselerkrankung auf junge Patienten und insbesondere Herzkrankheiten unterschätzt. Aus mehreren Studien sei bekannt, dass Patienten vor einem plötzlichen Herztod über Brustschmerzen oder Synkopen geklagt hätten. Vor allem bei Diabetes-Patienten sollte dies sehr ernst genommen werden.

Die dänischen Kardiologen haben innerhalb einer Dekade (2000 bis 2009) im dänischen Sterberegister 14.294 Todesfälle von Personen im Alter von 1 bis 49 gefunden. Rund zwei Drittel der Gestorbenen waren Männer. 669 (fünf Prozent) hatten Diabetes mellitus, 471 (70%) einen Typ-1-Diabetes und 197 einen Typ-2-Diabetes. Von den Diabetes-Patienten hatten 20 Prozent eine KHK, von den gestorbenen Personen ohne Diabetes nur sieben Prozent. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu bewerten, da nur bei 27 Prozent der Diabetiker und 33 Prozent der anderen Personen eine Autopsie durchgeführt wurde. Bezogen auf 100.000 Personen-Jahre gab es bei den Diabetikern 235 Todesfälle jeglicher Ursache, in der Kontroll-Gruppe 51. Plötzliche Herztode pro 100.000 Personen-Jahre gab es bei 35 unter Diabetikern und fünf in der Kontroll-Gruppe. Bei den bis zu 35 Jahre alten Personen mit plötzlichem Herztod waren Arrhythmien der häufigste Auslöser, bei den 36- bis 49-Jährigen eine koronare Herzkrankheit.

In Deutschland erleiden jedes Jahr laut der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zwischen 100.000 und 150.000 Menschen einen plötzlichen Herztod. 2013 seien es sogar rund 180.000 Menschen gewesen, so Privatdozent Carsten W. Israel (Evangelisches Krankenhaus Bielefeld) und Dr. Young Hee Lee-Barke (Ruhr-Universität Bochum). In etwa 80 Prozent der Fälle bestehe eine strukturelle Herzerkrankung, meist eine KHK.

Ein Infarkt erhöhe das Risiko für einen plötzlichen Herztod um den Faktor 6–10. Zu den Menschen, die besonders gefährdet sind, gehören auch Diabetes-Kranke. Nach epidemiologischen Studien hätten Typ-2-Diabetiker ein zwei-bis dreifach erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod, berichtete letztes Jahr Dr. Ilaria Cavallari (Brigham and Women's Hospital in Boston) bei einem Kardiologen-Kongress in Chicago. Ausgehend von der Saxagliptin-Studie SAVOR TIMI-53 mit über 16.000 Typ-2-Diabetes-Patienten errechnete Cavallari eine Zwei-Jahres-Inzidenz für einen plötzlichen Herztod von 1,41 Prozent; für andere kardiovaskuläre Tode ergab sich eine Inzidenz von 1,64 Prozent, für nicht-kardiovaskuläre Tode ein Wert von 1,46 Prozent. Ausgelöst wird der plötzliche Herztod auch bei Diabetes-Kranken meist durch eine ventrikuläre Tachyarrhythmie, seltener durch eine Bradyarrhythmie oder Asystolie.

Charakteristische Merkmale jener Diabetes-Kranken, die in der SAVOR-Studie einen plötzlichen Herztod erlitten, waren laut Cavallari:

    • höheres Alter im Vergleich zu anderen Typ-2-Diabetes-Kranken

    • längere Erkrankungsdauer

    • höhere HbA1c-Werte

    • Insulin-Therapie

    • frühere Herzinsuffizienz

    • Albuminurie und eGFR ≤ 50 ml/min

    • PAVK, KHK und Myokardinfarkt

    • männliches Geschlecht und

    • positive Biomarker (NT-proBNP und hoch-sensitives Troponin T).

Aufgrund der besonderen Gefährdung ist selbstverständlich eine kardiologische „Überwachung“ der Patienten erforderlich. Eines der wichtigsten diagnostischen Verfahren sei auch in diesem Fall das 12-Kanal-Ruhe-EKG, so Israel und Lee-Barke. Zum regelmäßigen kardialen Check-up bei Diabetikern gehöre selbstverständlich auch eine Echokardiographie, vor allem, um neue Kontraktionsstörung zu erkennen. Dabei ist folgendes zu beachten: Eine LVEF von über 35 Prozent bedeute nicht, dass ein Patient ungefährdet sei, einen plötzlichen Herztod zu erleiden. Der plötzliche Herztod sei bei Diabetikern auch bei erhaltener systolischer Funktion möglich, warnen Israel und Lee-Barke. Man wiege sich in falscher Sicherheit, wenn bei einer LVEF von über 35 Prozent von einem fehlenden Risiko für einen plötzlichen Herztod bei Diabetikern ausgegangen werde. In absoluten Zahlen trete ein plötzlicher Herztod sogar meistens bei Patienten mit einer LVEF von mehr als 35 Prozent auf.

Worauf kommt es nun in der Therapie der Patienten an, wie kann das Risiko für einen plötzlichen Herztod vermindert werden? Da eine erhöhte Sympathikus-Aktivität eine Gefährdung darstellt, sollte auf die Herzfrequenz geachtet werden. „Eine Ruheherzfrequenz von mehr als 80 Schlägen pro Minute (vor allem unter Betablocker) ist auffällig und stellt ein Kriterium für eine gesteigerte sympathische Aktivität dar“, so Carsten Israel und Young Hee Lee-Barke. Conditio sine qua non ist natürlich die Blutzucker-Senkung, allerdings nicht die intensivierte Blutzucker-Senkung, da sie die Prognose verschlechtern kann. Der angestrebte HbA1c-Zielwert liegt, in Abhängigkeit von individuellen Faktoren, in der Regel bei 6,5–7,0–7,5 Prozent. Bevorzugt werden sollten generell Antidiabetika mit niedrigem Risiko für Hypoglykämien, da schwere Hypoglykämien die Wahrscheinlichkeit für kardiovaskuläre Ereignisse wie auch für einen plötzlichen Herztod erhöhen. Auch eine optimale Therapie diabetes-assoziierter Erkrankungen kann das Risiko für einen plötzlichen Herztod mindern. Und: Auch Diabetes-Patienten profitieren von einem implantierten Defibrillator (ICD).

20.11.2017 14:18:14, Autor: Dr. med. Thomas Kron