Lebererkrankungen

„Der Check-up 35 ist nicht mehr zeitgemäß“

Die Leber leidet lange stumm, Erkrankungen dieses Organs werden daher oft erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt. Beim Deutschen Lebertag im November forderte die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) deswegen erneut, die Bestimmung von Leberwerten in den Check-up 35 als Kassenleistung mit aufzunehmen. Dazu befragten wir den DGVS-Mediensprecher Professor Christian Trautwein aus Aachen, Direktor an der Klinik für Gastroenterologie, Stoffwechselerkrankungen und Internistische Intensivmedizin der RWTH Aachen.

Trautwein: „Ein Lebertest gehört unbedingt in das Vorsorgeprogramm der gesetzlichen Krankenkassen.“
© privat

Herr Prof. Trautwein, die DGVS macht sich dafür stark, bei der Blutuntersuchung im Rahmen des Check-up 35 neben Glukose und Gesamtcholesterin auch Leberwerte zu bestimmen. Worauf basieren Ihre Forderungen?

Adipositas und Alkoholmissbrauch – die beiden Hauptrisikofaktoren für Lebererkrankungen – nehmen hierzulande immer weiter zu. Inzwischen haben wir in Deutschland deutlich mehr als 10 Millionen Übergewichtige. Gerade sie stellen eine Risikogruppe dar. Die nicht alkoholische Fettleber, verursacht durch Übergewicht und Fehlernährung, betrifft inzwischen rund 30 Prozent der Bevölkerung und ist in westlichen Industrienationen mit steigender Tendenz für 10 bis 20 Prozent der Fälle von Leberkrebs und Leberzirrhosen verantwortlich. Dass Leberschäden noch immer überwiegend mit zu hohem Alkoholkonsum in Verbindung gebracht werden, ist nicht hilfreich, da dadurch Lebererkrankungen falsch wahrgenommen werden. Alkohol ist ein wichtiges Thema, allerdings nicht das einzige und vor allem zahlenmäßig nicht das größte! Auch Menschen, die langfristig Medikamente benötigen oder potenziell leberschädigende Medikamente einnehmen wie beispielsweise Paracetamol, Rheumamittel oder bestimmte Antibiotika, müssen wir verstärkt im Auge behalten.

Hinzu kommt, dass die Leber als zentrales Stoffwechselorgan eine ganz wichtige Rolle spielt. Eine Fettleber-Hepatitis gilt mittlerweile als wichtigster Indikator für das metabolische Syndrom und verdoppelt dadurch das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen.

Von daher kämpft die DGVS bereits seit Jahren für eine Leberwertkontrolle im Rahmen des Check-up 35. Denn Prävention beginnt im Verdauungstrakt, dem Ursprung aller metabolischen Prozesse!

Um welche Leberwerte geht es Ihnen dabei vor allem und welche Erkrankungen lassen sich damit „scannen“?

Zumindest eine Aminotransaminase – idealerweise die GPT – und zusätzlich die GGT als empfindlichster Leber-Indikator sollten fester Bestandteil im Check-up 35 werden.

Auffällige Werte und auch bereits Werte im oberen Grenzbereich signalisieren eine Lebererkrankung. Beispielsweise eine Fettleber, aber auch virusbedingte Lebererkrankungen wie Hepatitis B und C, die sich bei rechtzeitiger Erkennung inzwischen gut behandeln lassen.

Die Leber funktioniert ja bekanntermaßen auch im angeschlagenen Zustand noch sehr lange gut und bleibt dadurch labortechnisch unauffällig. Wie sicher sind dann solche Blutwertbestimmungen für eine frühzeitige Intervention?

Ein ganz wichtiger Punkt! Die hierzulande geltenden Leberwerte bestehen seit rund 50 Jahren und wurden seither nie angepasst. Obwohl wir inzwischen wissen, dass bereits Werte im Bereich der oberen Norm eine Lebererkrankung anzeigen und mit einem dreifach erhöhten Risiko einhergehen, daran zu versterben. Blutdruckwerte beispielsweise werden immer wieder diskutiert und aktualisiert – wie auch kürzlich in den USA – die Leberwerte aber nicht. Es wäre daher sinnvoll, eine entsprechende Anpassung auch für Leberwerte durchzuführen.

Niedergelassene Ärzte sollten daher bereits bei Werten im oberen Normbereich hellhörig werden und die entsprechenden Patienten genauer untersuchen. Ein besonderes Risiko haben übergewichtige Menschen. Im Zweifelsfall sollte der Allgemeinarzt daher frühzeitig einen Spezialisten zur Rate ziehen, um die Patienten optimal zu versorgen.

Wie bewerten Sie als Internist das derzeitige Leistungspaket für den Check-up 35 denn generell? Ist der Patient damit auf der sicheren Seite in punkto Prävention?

Ehrlich gesagt: Da wünsche ich mir hinsichtlich einer verantwortungsvollen Prävention deutlich mehr. Neben den beiden erwähnten Leberwerten halte ich auch ein kleines Blutbild für sinnvoll und zusätzlich die Bestimmung des Kreatininwertes, um auch die Nierenfunktion zu überprüfen. Optimal wäre zusätzlich ein regelmäßiger Blick auf die Blutgerinnung. Aber erst einmal wäre ich ja schon mit einer alle zwei Jahre stattfindenden Kontrolle der Leberwerte zufrieden.

Für wie realistisch halten Sie bzw. die DGVS die Umsetzung Ihrer Forderung, den Check-up 35 künftig um Leberwerte zu erweitern?

Seit knapp 3 Jahren sind wir intensiv am Ball, unsere Forderung publik zu machen und gesundheitspolitisch durchzusetzen. Wir sind da nach den bisher gelaufenen Gesprächen sehr optimistisch und hoffen, dass die Bestimmung von Leberwerten im Laufe der nächsten 2 bis 4 Jahre Bestandteil des Check-ups werden wird.

20.11.2017 08:59:37, Autor: Jutta Heinze