Onkologen-Gesellschaft

Alkohol und Krebs: offenbar weiterhin mehr Aufklärung und Ehrlichkeit notwendig

Dass Äthylalkohol Krebs verursachen kann, ist keine neue wissenschaftliche Erkenntnis; doch viele Menschen sind sich dessen nicht bewusst, wie nun auch eine aktuelle Umfrage in den USA bestätigt hat. Viele Menschen verdrängen die Gefahren und beruhigen oder trösten sich mit der Hoffnung, in Maßen genossen sei Alkoholisches nicht nur nicht schädlich, sondern geradezu ein Segen für Herz und Gefäße. Das ist nunmal eine sehr viel „lebensfrohere“ Botschaft als jene von der Giftigkeit „geistiger Getränke“. Die US-amerikanische Onkologen-Gesellschaft hat daher in einer Stellungnahme im „Journal of Clinical Oncology“ erneut auf die Gefahren des Alkohol-Konsums hingewiesen.


Selbst moderater Alkoholkonsum erhöht das Krebsrisiko, warnen Wissenschaflter.
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Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass weltweit mehr als 30 Prozent aller Krebstodes-Fälle verhindert werden könnten, gelänge es, den Einfluss riskanter Verhaltensweisen, darunter Rauchen und Alkohol-Konsum, zu reduzieren. In Deutschland sind laut einer Analyse von Wissenschaftlern vom Zentrum für Krebsregisterdaten im Robert-Koch-Institut jährlich etwa 13.000 Fälle von Krebs-Erkrankungen auf Alkohol-Konsum zurückzuführen (72.000 auf das Rauchen). Fast 750.000 Menschen erkrankten jedes Jahr infolge von Alkohol-Konsum an Krebs, etwa 365.000 stürben an Tumoren, deren Genese mit dem Genuss „geistiger Getränke“ zusammenhänge, etwa Leber-, Speiseröhren-, Darm-, Hals- oder Brustkrebs, hieß es auf einer Tagung der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in Paris.

Besonders häufig betroffen seien Menschen in Europa und Nordamerika, berichtete Kevin Shield vom „Centre for Addiction and Mental Health“ (CAMH) in Toronto „Viele Menschen wissen jedoch nicht, dass Alkohol Krebs hervorrufen kann", sagte Shield. Große Sorgen bereiten vor allem Karzinome von Leber und Pankreas, die immer noch mit einer besonders miserablen Prognose einhergehen; bei beiden Malignomen steigen die Erkrankungsraten, wie der erste Bericht zum Krebsgeschehen zeigt, den das Robert Koch-Institut (RKI) und das Bundesgesundheitsministerium vorgelegt haben.

Gewarnt wurde bekanntlich schoft oft: So wies zum Beispiel 2016 die neuseeländische Präventivmedizinerin Dr. Jennie Connor von der Universität von Otago in Dunedin in der Zeitschrift „Addiction“ auf die relativ guten Belege für einen kausalen Zusammenhang zwischen Alkohol-Konsum und mehreren unterschiedlichen Karzinomen hin, darunter Karzinome von Oropharynx, Kehlkopf, Speiseröhre, Leber, Kolon, Rektum, Mamma, Pankreas und Prostata. Sogar beim Melanom wird Alkohol als ein möglicher relevanter Faktor verdächtigt („Cancer Epidemiol Biomarkers & Prevention“).

Außerdem: Es gibt laut Connor für den Alkohol-Konsum keine sichere untere Grenze. Dies betont auch Professor Christian Trautwein, leitender Gastroenterologe der Universitätsklinik Aachen. Selbst „moderater“ Alkohol-Konsum erhöhe das Darmkrebs-Risiko um 21 Prozent; wer mehr trinke, verdoppele sein Risiko sogar. Es werde daher zunehmend als unredlich angesehen, für die angeblich so positiven kardiovaskulären Effekte moderaten Alkohol-Konsums die Trommel zu rühren, so Connor.

Produzenten spielen Risiko herunter

Die Produzenten alkoholischer Getränke spielten allerdings - ähnlich wie einst die Tabak-Industrie - das Krebs-Risiko durch das Zellgift herunter, teilweise werde sogar so gut wie jeder Zusammenhang geleugnet, berichteten kürzlich britische Wissenschaftler im Fachblatt „Drug and Alcohol Review“. Die Wissenschaftler um Erstautor Professor Mark Petticrew (London School of Hygiene and Tropical Medicine) hatten Webseiten und Dokumente von 26 Organisationen der Alkoholindustrie ausgewertet.

Auch der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure, das politische Sprachrohr der Spirituosenbranche, ruft auf seiner Webseite zwar zu einem maßvollen Alkohol-Konsum auf und weist auch auf Gefahren eines häufigen oder regelmäßigen oder Missbrauches hin. Aber der Hinweis auf das Krebs-Risiko beschränkt sich auf den Missbrauch und erinnert zudem an das berühmte Kleingedruckte in Versicherungsverträgen etwa: „Häufiger oder regelmäßger Missbrauch erhöht das Risiko bestimmter Erkrankungen: u. a. Lebererkrankungen (Leberzirrhose oder Fettleber), Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Nervenerkrankungen (Hirnzellen sterben ab), beeinflusst die Knochen- und Muskelentwicklung bei Kindern und Jugendlichen negativ, beeinträchtigt auch die Lern- und Konzentrationsfähigkeit, das klare Entscheidungs- und Urteilsvermögen sowie die Kritikfähigkeit.“


09.11.2017 10:54:47, Autor: Dr. med. Thomas Kron