Herzgesunder Lebensstil

„Zur Bekämpfung von Übergewicht setze ich vor allem auf Proteine im Sinne von Low-Carb“

Gertenschlank, 3x wöchentlich beim Kardio-Training und eine kohlenhydratbetonte Ernährung mit wenig Fett: Ist das, was jahrelang galt, in punkto Herzschutz wirklich noch aktuell? Nein, sagt Prof. Uwe Nixdorff, Kardiologe und Sportmediziner am European Prevention Center in Düsseldorf, im Interview mit dem änd.


Nixdorff: „Krafttraining ist für den Herz-Kreislauf-Schutz essenziell.“
© privat

Herr Prof. Nixdorff, auf den DGK-Herztagen haben Sie ein paar jahrelang gängige Regeln für einen herzgesunden Lebensstil „entstaubt“ und andere Parameter und Lebensstil-Tipps in den Vordergrund gerückt. Welche kardiovaskulären Risikofaktoren sehen Sie derzeit im Fokus?

Nach wie vor gilt: Übergewicht gefährdet die Herzgesundheit. In den Industrieländern bringen fast 80 Prozent der Menschen zu viele Pfunde auf die Waage. Aber inzwischen stehen nicht mehr die überschüssigen Kilos generell im Mittelpunkt der Kritik und wir propagieren auch keine Modelfiguren mehr im ehemaligen BMI-Idealgewichtsbereich. Entscheidend ist schlichtweg, wo sich Fettpölsterchen oder gar -polster ansiedeln. Ein paar Pfündchen zu viel auf den Hüften sehe ich weniger als Problem als viszerales Fettgewebe im Bauchraum.

Speziell diese Fettansammlungen gelten – neben deutlichem Übergewicht generell und natürlich dem „worst case“ des metabolischen Syndroms – inzwischen unbestritten als Risikofaktor. Als weiterer wichtiger Risikofaktor für Herz und Kreislauf ist inzwischen auch die Fettleber hinzugekommen.


Was macht das viszerale Bauchfett so gefährlich und wie lässt es sich feststellen?

Viszerales Bauchfett fördert unter anderem die Insulinresistenz und chronische Entzündungsprozesse und gilt als Risikofaktor für das metabolische Syndrom – all dies ist pures Gift für das Herz-Kreislauf-System. In welcher Menge sich „verstecktes“ Fett im Körper verbirgt, kann letztendlich nur eine professionelle Bioimpedanzanalyse (BIA) klären, bei der Messelektroden an beiden Händen und Füßen platziert werden. Haushaltsübliche Körperfettwaagen liefern dazu keine zuverlässigen Aussagen, da die Messung nur über die Füße erfolgt und den Bauchraum oft gar nicht komplett mit einbezieht. Wo genau sich die Fettablagerungen angesammelt haben, lässt sich nur per aufwändiger MRT klären.

Wesentlich hilfreicher und einfacher ist da der Griff zum Maßband für eine Messung auf Nabelhöhe Als Faustregel gilt: Ab 80 cm (Frauen) bzw. 94 cm (Männer) Bauchumfang steigt das Gefährdungspotenzial. Richtig gefährlich wird es ab 88 cm (Frauen) und 102 cm (Männern). Aber: Viszerale Fettansammlungen betreffen mitunter auch Menschen, die auf den ersten Blick gar keinen offensichtlichen dicken Bauch vor sich hertragen und auch keinen auffällig übergewichtigen Eindruck machen.


Und warum reiht sich eine Fettleber nun ebenfalls ein ins kardiovaskuläre Risikoprofil?

Fettgewebe in der Leber produziert Interleukine. Diese entzündlichen Mediatoren gelangen in die Blutbahn und treiben dadurch atherosklerotische Prozesse an. Parallel wirken Interleukine direkt auf die Gefäßwände und können deren Reagibilität beeinträchtigen.


Wie bewerten Sie langjährig etablierte Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen?

Gerade diese beiden genannten Risiken lassen sich inzwischen gut medikamentös behandeln. In Kombination mit einem metabolischen Syndrom bekommen Hypertonie oder auch Dyslipidämien aber einen ganz anderen Stellenwert.

Schwierig wird es vor allem immer dann, wenn mehr als nur eine Tablette gefragt ist – also auch der persönliche Einsatz des Patienten. Bei Lebensstiländerungen, die ja bei Übergewicht zweifellos notwendig sind, machen viele nicht mit. Das gilt sowohl für körperliche Bewegung als auch für eine Ernährungsumstellung.


Körperliche Bewegung gilt nach wie vor als wichtiger Faktor für die Herzgesundheit und wichtige Unterstützung beim Abnehmen – allerdings inzwischen mit anderen Schwerpunkten. In welcher Form sollte man idealerweise Sport treiben, um Herz und Kreislauf optimal zu schützen und zu stärken und auch Gewicht zu reduzieren?

Diesbezüglich fand inzwischen ein deutliches Umdenken statt. Lange Jahre galt es, Herz und Kreislauf hauptsächlich per Ausdauertraining zu stärken und dabei parallel auch die Fettverbrennung anzukurbeln. Inzwischen wissen wir, dass auch Krafttraining eine wichtige Rolle spielt. Denn es fördert den Muskelaufbau, verbrennt Glukose und reduziert dadurch Übergewicht. Ich rate meinen übergewichtigen Herz-Kreislauf-Patienten daher inzwischen täglich zu einer halben Stunde Ausdauersport wie Laufen, einem forcierten Spaziergang oder Schwimmen plus 2x wöchentlich zu einem gezielten Krafttraining an Geräten oder aber als Workout zu Hause nach vorheriger Anleitung.


Hinsichtlich der Ernährung propagieren Sie ebenfalls ein Umdenken: Weg von den Kohlenhydraten und hin zu Proteinen und (gesunden) Fetten. Wie sieht Ihrer Ansicht nach denn die moderne herzgesunde Ernährung aus, die Ärzte ihren Patienten empfehlen sollten? Und was spricht gegen komplexe Kohlenhydrate aus Vollkorngetreide?

Etliche Studien belegen inzwischen, dass die Ende des vergangenen Jahrhunderts so hochgelobte fettarme Ernährung inzwischen „out“ ist in punkto Herzgesundheit. Und auch das angeblich böse Cholesterin und tierische Fette allgemein gelten nicht mehr als generell verpönt. Entscheidend ist inzwischen die ausreichende Zufuhr hochwertiger einfach und mehrfach ungesättigter Fettsäuren auf pflanzlicher und/oder mariner Basis (= fettreicher Seefisch). So lange hier die Zufuhr stimmt, sehe ich bei tierischen Fetten überhaupt kein Problem. Da darf es dann gern auch ein tägliches Frühstücksei sein.

Viel kritischer bewerte ich die Kohlenhydrate – meiner Ansicht nach das aktuelle Hauptproblem für Übergewicht und Adipositas. Vor allem einfache Kohlenhydrate aus Brot, Gebäck und Süßem sowie verstecktem Zucker führen in die sogenannte Insulinfalle: Je mehr Zucker jemand konsumiert, desto stärker die Insulinausschüttung mit wiederum anschließendem Blutzuckerabfall samt Hungergefühl. Wer dann dadurch zu einem süßen Keks oder Schokoriegel greift, landet schnell in einem Teufelskreis. Zumal sich der zugeführte Zucker mangels Bewegung oft direkt in Körperfett umwandelt, das im Bauchbereich landet.

Gegen komplexe Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten ist überhaupt nichts einzuwenden, wobei ich – wissenschaftlich fundiert – zur Bekämpfung von Übergewicht vor allem auf Proteine setze im Sinne von Low-Carb. Eiweiß sättigt zuverlässig, fördert in Kombination mit Bewegung den Muskelaufbau und bringt den Zuckerstoffwechsel nicht aus dem Gleichgewicht.


Sie bringen die Formula-Diät – also eine ausgesprochen proteinreiche Diät auf Basis von Eiweißshakes – als Option gegen Übergewicht ins Spiel. Was kann solch eine Ernährungsform, die ja mit einer alltagstauglichen und dauerhaften herzgesunden Ernährungsumstellung wenig zu tun hat, konkret bieten?

Generell bin ich überhaupt kein Freund von Diäten. Die meisten sind zu einseitig und münden im so genannten Jo-Jo-Effekt. Einen vorübergehenden Umstieg auf proteinreiche Shakes à la Formula-Diät schätze ich eher als Initiation für eine Stoffwechselumstellung, zumal der hohe Eiweißanteil in Kombination mit Bewegung auch dem Muskelaufbau dient.

Als Trigger bis zum Erreichen des persönlichen Sollgewichts jenseits einer Adipositas halte ich solch eine drastische Ernährungsumstellung in Richtung Low-Carb aber für durchaus sinnvoll. Danach sollten die Patienten mit ernährungswissenschaftlicher Begleitung schrittweise zu einer alltagstauglichen Ernährung finden, die sie dann im Idealfall auch dauerhaft beibehalten können.


Formula-Diät bis zum Zielgewicht – das kann sich ja nun wirklich nicht jeder leisten. Welche Antworten haben Sie für diese Patienten?

Wie so oft: Wir müssen unseren Patienten klarmachen, dass Gesundheit Geld kostet und diesbezüglich ein Umdenken erforderlich ist. Viele haben hierzulande immer noch ein falsches Bewusstsein zu Gesundheitsfragen. Sie geben über sechs Euro täglich für eine Packung Zigaretten aus und beklagen sich parallel über die Kosten für eine gesunde Ernährung oder eine Diätlösung. Da ist noch ganz viel Umdenken erforderlich. Zur Formula-Diät sehen Sie es einmal vom Finanziellen her so: Diese wird ersetzend für übliche Mahlzeiten eingesetzt. Ohne hier Euro-Beträge anzugeben, glauben Sie mir: Das gesparte Geld für die übliche Ernährung liegt höher als die Investition in das Proteinpulver.



04.11.2017 17:14:25, Autor: Interview: Jutta Heinze für den änd