Antibiotikaresistenzen

„Human- und Tiermediziner müssen enger zusammenarbeiten“

Die Prognose klingt erschreckend: Die UN (United Nations) befürchten, dass ab dem Jahr 2050 mehr als 10 Millionen Menschen weltweit durch resistente Keime sterben könnten, sofern keine wirksamen Gegenmaßnahmen greifen. Höchste Zeit, die Zusammenarbeit zwischen Tier- und Humanmedizinern zu verbessern und den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika in der Gesellschaft weiter zu etablieren, meint Dr. Matthias Pulz, Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts (NLGA). Der änd fragte bei ihm nach.

Pulz: „Wir brauchen einen verantwortungsvolleren Umgang mit Antibiotika.“
© NLGA

Herr Dr. Pulz, warum setzen Sie auf eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizinern im Kampf gegen antibiotikaresistente Keime?

Zahlreiche Studien der jüngeren Vergangenheit belegen, dass es einen relevanten Austausch antibiotikaresistenter Erreger zwischen Mensch und Tier gibt. Der Einsatz von Antibiotika in Veterinärmedizin und Landwirtschaft hat Auswirkungen auf die Entstehung und Ausbreitung resistenter Erreger in der Humanmedizin ebenso wie umgekehrt. Die Gefahr einer Übertragung antibiotikaresistenter Erreger auf den Menschen besteht insbesondere in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung. Abschließende Erkenntnisse über Art und Ausmaß dieses Austausches liegen aber bislang nicht vor. Nur ein One-Health-Ansatz, der die betroffenen Bereiche Mensch, Tier, Landwirtschaft und auch Umwelt gleichermaßen berücksichtigt, kann dem komplexen Thema Antibiotikaresistenzen gerecht werden.

Wie wirkt sich der Antibiotikaeinsatz bei Tieren auf die Resistenzsituation beim Menschen aus? Kommen viele Resistenzen quasi aus dem Tierstall?

Jeder, auch der sachgerechte, Einsatz von Antibiotika besitzt das Potenzial, Antibiotikaresistenzen zu erzeugen. Von besonderer Relevanz sind Antibiotika, die sowohl im Veterinärbereich, als auch in der Humanmedizin eingesetzt werden. In der Vergangenheit kam es durch den massiven Einsatz von Avoparcin als Futterzusatzstoff in der Tierernährung zur Ausbildung von Resistenzen gegen Glykopeptid-Antibiotika. Dadurch wurden entsprechende Therapiemöglichkeiten in der Humanmedizin einschränkt. Anfang 2016 sorgte der Nachweis einer neuen übertragbaren Colistinresistenz bei Darmbakterien in chinesischen Geflügelständen für Aufsehen. Colistin kommt vor allem in der Nutztierhaltung zur Behandlung von Darmerkrankungen zum Einsatz und zählt im Agrarbereich zu den am häufigsten benutzten Arzneien. In der Humanmedizin gilt Colistin seit einigen Jahren bei Infektionen mit multiresistenten Darmbakterien als letzte verbleibende Therapieoption. Diese Beispiele zeigen, dass der vermehrte Einsatz bestimmter Antibiotika in der Tiermedizin unmittelbare Auswirkungen auf den Humanbereich haben kann.

Wie beeinflusst die zunehmende Resistenzproblematik den Umgang mit Antibiotika in der Tierzucht?

Im Rahmen des Niedersächsischen Antibiotika-Minimierungskonzepts konnte eine deutliche Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Landwirtschaft erreicht werden. Die Therapiehäufigkeiten der „Spitzenverbraucher“ an Antibiotika sank seit dem Jahr 2014 bei Mastschweinen um rund 57 Prozent, bei Mastferkeln um rund 51 Prozent und bei Mastkälbern um rund 52 Prozent. Bei Mastputen und Masthühnern liegen die Therapiehäufigkeiten der „Spitzenverbraucher“ an Antibiotika um 45 Prozent bzw. rund 32 Prozent niedriger als zu Beginn der Einführung des Antibiotika-Minimierungskonzeptes in der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Die Reduktion des Antibiotikaeinsatzes verdeutlicht sich auch anhand der von hiesigen Tierärzten bezogenen Antibiotikamengen. Allein zwischen den Jahren 2014 und 2015 ging die abgegebene Menge an Antibiotika ging um rund 37 Prozent zurück.

Und inwieweit tragen schnell und möglicherweise überflüssig verordnete Antibiotika von Humanmedizinern zur Resistenzproblematik bei?

Schätzungen gehen davon aus, dass zirka 50 Prozent der Antibiotikagaben in der Humanmedizin unnötig oder inadäquat sind. Diese tragen erheblich zur Resistenzentwicklung bei. Rund 85 Prozent aller Antibiotikaverordnungen betreffen in Deutschland den ambulanten Bereich. Hausärzten kommt bei der Begrenzung des Antibiotikaeinsatzes durch rationale Anwendung von Antibiotika eine zentrale Bedeutung zu, zumal sie viele Patienten mit Indikationen behandeln, bei denen kein Antibiotikum zum Einsatz kommen sollte (z. B. unkomplizierte Mittelohrentzündung) oder nicht indiziert ist (z. B. virale Atemwegsinfektion). Als Gründe für einen eher großzügigen Umgang mit Antibiotika gelten darüber hinaus die Erwartungshaltung seitens von Patienten, rechtliche Aspekte oder diagnostische Unsicherheiten.

Was sind die Ihrer Ansicht nach die nächsten erforderlichen Schritte im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen?

Als vordringliche Maßnahmen zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin gelten die Implementierung einer zielgerichteten und sinnvollen Gabe von Antibiotika (im Humanbereich: Antibiotic Stewardship), die Gewährleistung einer rationalen und schnellen Erregerdiagnostik sowie die konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen in Tierställen beziehungsweise medizinischen Einrichtungen. Von besonderer Bedeutung wird es künftig im Humanbereich sein, durch effektive Überwachungssysteme (zum Beispiel ARMIN = Antibiotika-Resistenz-Monitoring in Niedersachsen) Trends zu erfassen und durch molekularbiologische Typisierung resistente Infektionserreger schnell zu charakterisieren. Grundsätzlich müssen das Bewusstsein für die infektiologische Herausforderung von Antibiotikaresistenzen gefördert und Schulungsangebote weiter ausgebaut werden. Ein weiterer Schwerpunkt muss auf der Forschungsförderung und der Entwicklung neuer Antibiotika liegen.

23.10.2017 14:37:48, Autor: Jutta Heinze