Osteoporose

Nicht nur eine Erkrankung alter Menschen

Von einer Osteoporose sind zwar überwiegend alte Menschen betroffen, aber nicht nur. Im Osteoporosezentrum der Universität Dresden etwa werden nach eigenen Angaben jedes Jahr rund 500 Patienten versorgt, die bereits im Alter zwischen 20 und 50 Jahren an Osteoporose erkranken.

Bei jungen Patienten liegen die Ursachen für die Osteoporose oftmals in einer chronischen Erkrankung wie Diabetes oder Rheuma und der damit einhergehenden Therapie.
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Wenn die Osteoporose so zeitig auftritt, ist die Betreuung durch ein interdisziplinäres Spezialistenteam entscheidend für den weiteren Krankheitsverlauf, denn es bedarf einer aufwändigen Diagnostik, um eine geeignete Therapie gegen den schleichenden Verlust an Knochensubstanz zu finden. Darauf weist Professor Lorenz Hofbauer, Leiter des Osteoporosezentrums am Dresdner Uniklinikum, anlässlich des heutigen Weltosteoporosetags hin.

Bei jungen Patienten liegen die Ursachen für die Osteoporose oftmals in einer chronischen Erkrankung wie Diabetes oder Rheuma und der damit einhergehenden Therapie. Auch die Folgen einer Krebstherapie und ein gestörter Hormonhaushalt zählen zu den Auslösern der sekundären Osteoporose. Anders als bei der Osteoporose im hohen Lebensalter, die von natürlichen Veränderungen des Hormonhaushalts, Bewegungsarmut sowie den Alterungsvorgang selbst begünstigt wird, scheinen viele der jungen Patienten auf den ersten Blick sehr agil und gesund zu sein. „Zu uns kommen Frauen, die in einem Ballettensemble getanzt haben, junge Mütter oder sportliche Männer, die in der Freizeit an Langstreckenläufen teilgenommen haben“, berichtet Lorenz Hofbauer. Was sie in das Osteoporosezentrum führt, sind oftmals Knochenbrüche, die sie sich bei leichten Stürzen im Alltag zugezogen haben oder starke Rückenschmerzen. „Wenn eine Mutter ihr kleines Kind nicht mehr hochheben kann oder ein Kellner es nicht mehr schafft, den ganzen Tag zu stehen, ist das gravierend. Hier steht viel auf dem Spiel, denn dadurch droht ihnen die Erwerbsunfähigkeit“, so der Leiter des Osteoporosezentrums.

Normalerweise gehen bei Menschen im erwerbsfähigen Alter leichte Stürze glimpflich ab. Wenn sie jedoch beim Joggen ausrutschen und einen Armbruch davontragen, obwohl sie sich beim Sturz gut abfangen konnten, sollte man hellhörig werden. Ursache ist oft ein mehrjähriger Abbauprozess, der schließlich die Knochen so spröde macht, dass sie normalen Belastungen nicht mehr standhalten. Dies führt auch bei einigen Patienten dazu, dass die Wirbelkörper einbrechen. So verlieren Osteoporose-Patienten in wenigen Jahren vier, manche sogar bis zu zehn Zentimetern ihrer Körpergröße. „Da vor allem die Wirbelkörper zwischen Brust und Becken betroffen sind, werden bei diesen Patienten Jacketts zu Mänteln“, berichtet Hofbauers Kollegin Dr. Elena Tsourdi. Diese Veränderungen sind nicht nur ästhetischer Natur: Die krankheitsbedingt verformten Wirbel verändern die Statik und können durch Druck auf Nerven oder das Rückenmark stärkste Schmerzen auslösen.

„Trotz des großen diagnostischen Aufwands können wir bei einem Drittel aller Patienten den Auslöser der Osteoporose nicht identifizieren“, sagt Hofbauer. Deshalb hat das Zentrum mehrere Studien zur sekundären Osteoporose initiiert und beteiligt sich an weiteren Forschungsprojekten. Um Betroffenen auch ohne eine abschließende Diagnose bestmöglich zu versorgen, arbeitet das Osteoporosezentrum mit hochspezialisierten Zentren der Uniklinika in Berlin, Hamburg und Würzburg telemedizinisch zusammen.

Nicht allein die rechtzeitige Osteoporose-Diagnose bei jungen Menschen ist ein Sorgenkind. Die Versorgung von Osteoporose-Kranken insgesamt bereitet Kopfschmerzen. Ein Grund hierfür ist zum einen die aufgrund der demografischen Entwicklung zunehmende Prävalenz der Erkrankung. In der EPOS-Studie etwa betrug die Osteoporose-Prävalenz bei Frauen im Alter von 50 bis 60 Jahren rund 15 Prozent, bei über 70-jährigen Frauen lag sie bei 45 Prozent. Einen deutlichen Anstieg der Prävalenz zeigten auch die Daten zur Knochendichte am Schenkelhals bei Männern. So waren in der Altersgruppe der 50- bis 60-Jährigen nur 2,4 Prozent betroffen, im Alter von über 70 Jahren jedoch über 17 Prozent. Als Folge davon werden osteoporotische Frakturen häufiger, die vor allem bei älteren Menschen oft dramatische Folgen haben: Viele bleiben nach einer Fraktur behindert und müssen gepflegt werden. Außerdem ist die Sterberate nach hüftgelenksnahen Oberschenkel-Frakturen trotz aller therapeutischen Fortschritte nach wie vor hoch. Besorgt zeigt sich erwartungsgemäß auch die „International Osteoporosis Foundation“.

Etwa 80 Prozent der Menschen, die bereits eine osteoporotische Fraktur erlitten hätten, erhielten keinen Schutz vor weiteren Frakturen, meldete die Non-Profit-Organisation vergangenes Jahr und warnte vor einem „Fraktur-Tsunami“. Die Osteoporose sei eine „unterdiagnostizierte Erkrankung“, so auch der Geriater Professor Dr. Dieter Lüttje (Klinikum Osnabrück).

So habe eine Auswertung von Daten der Techniker Krankenkasse aus den Jahren 2006 bis 2009 bei Personen über 50 Jahren eine Prävalenz der Osteoporose von knapp 20 Prozent ergeben. Nur bei 14 Prozent hätten „entweder eine Osteoporose-Diagnose und/oder eine Osteoporose-bedingte Fraktur und/oder eine für Osteoporose typische Arzneimittelverordnung“ vorgelegen. Hinzukommt, dass zu viele Patienten ihre Osteoporose-Medikamente, insbesondere Bisphosphonate, nicht nehmen oder sie wieder absetzen. Ein Grund für die unzureichende Therapie-Adhärenz: Die Angst vor therapie-bedingten Kieferosteonekrosen und atypischen Femurfrakturen.

20.10.2017 10:52:29, Autor: Dr. med. Thomas Kron