Ärztemangel

„Viele Patienten müssen weit fahren für einen Arztbesuch“

Gemeindebund-Präsident Trips: „Es kann nicht sein, dass sich die Ärzte in den großen Städten ballen und es im ländlichen Raum keine ärztliche Versorgung mehr gibt.“
© NSGB

Deutschland droht ein Ärztemangel. Vor allem auf dem Land fehlen Hausärzte. Der Präsident des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebunds, Marco Trips, fordert deshalb einen Rechtsanspruch auf einen Hausarzt. Im Interview mit „durchblick gesundheit“ erklärt er seine Forderung und verrät, warum er sich von der Politik im Stich gelassen fühlt. 


Herr Trips, die Flächenländer in Deutschland wie Bayern, Brandenburg oder Hessen klagen über zu wenig Ärzte auf dem Land. Wie ernst ist die Lage in Niedersachsen?
Ein Drittel der Bürgermeister sagt, dass es bereits heute Probleme mit der ärztlichen Versorgung in der Gemeinde gibt. Die übrigen zwei Drittel erwarten für die kommenden Jahre Probleme mit Arztsitzen, die sich nicht oder nur schwer wiederbesetzen lassen.

Wo gibt es die größten Probleme?
Regional betrachtet lässt sich das schwer sagen. Natürlich ist die Lage im Umland der Großstädte nicht so angespannt, weil die Wege in die Stadt eben nicht so weit sind.

Welche Ärzte fehlen vor allem?
Neben den Hausärzten sind es vor allem Augen- und Kinderärzte.

Kaum noch Supermärkte oder Kindergärten, keine Kinos, fehlende Jobs für Ehepartner – bieten viele Dörfer und Kleinstädte den Nachwuchsärzten vielleicht schlicht nicht genug Lebensqualität?
Das ist vielleicht gefühlt so. Aber ich glaube zum Beispiel, dass man in kleinen Dörfern eher einen Kita-Platz bekommt als in einer Großstadt. Schwieriger sieht es hier in der Tat mit einem Arbeitsplatz für den Ehepartner aus.

Inwieweit macht den Gemeinden auch die veränderte Anspruchshaltung junger Ärzte zu schaffen?
Die Zeit des klassischen Workaholic-Landarztes, der auch nachts noch ohne zu murren zum Hausbesuch rausfährt, ist sicherlich vorbei. Junge Ärzte stellen sich das anders vor, achten mehr auf ihre Work-Life-Balance. Das heißt, eine Gemeinde braucht heute im Extremfall zwei junge Ärztinnen, die halbtags tätig und vielleicht auch noch angestellt sein wollen, um einen Landarzt alter Schule zu ersetzen.

Wegen dieses Mehrbedarfs brauchen wir mehr Medizinstudienplätze. Deshalb sind wir für die Abschaffung des Numerus clausus. Auch mit einem Abi-Schnitt von 3,0 kann man einen guten Arzt abgeben – vielleicht sogar einen sozialkompetenteren als der Einserkandidat, der nur über seinen Büchern sitzt.

Sie fordern einen Rechtsanspruch auf einen Hausarzt. Wie ernst ist es Ihnen mit dieser Forderung?
Wir vertreten ja vor allem die Interessen der Gemeinden im ländlichen Raum. Und wir sehen, dass viele Menschen faktisch dennoch große Entfernungen auf sich nehmen müssen für einen Arztbesuch.
Deshalb sagen wir, dass in jeder Gemeinde eine ausreichende Zahl an Hausärzten vorhanden sein muss. Dazu muss es mehr staatliche Steuerung geben. Es kann nicht sein, dass sich die Ärzte in den großen Städten ballen und es im ländlichen Raum keine ärztliche Versorgung mehr gibt.

Also ein Problem der fehlenden Planung?
Ja, deshalb fordern wir, dass die Gemeinden ausreichend mit Ärzten besetzt werden. Mit anderen Worten: Wir verlangen einen Rechtsanspruch auf einen Arzt innerhalb einer gewissen Entfernung.

Wenn es das bei Kindergartenplätzen gibt, wieso dann nicht auch bei Ärzten? Der Staat gibt schließlich viel Geld aus für die medizinische Ausbildung. Und ich denke, da kann man auch steuernd eingreifen. Ich kann mir ein staatliches Steuerungssystem für Hausärzte vorstellen.

Wie soll das praktisch umgesetzt werden?

Rechtsanspruch auf einen Hausarzt? Das sagt die Ärzteschaft dazu

Die Forderung des Niedersächsischen Städte- und Gemeindebunds nach einem Rechtsanspruch auf einen Hausarzt stößt auf Widerspruch bei den niedergelassenen Ärzten. Die Kassenärztliche Vereinigung in Niedersachsen hält „eine Zuweisung von Ärzten nicht für überzeugend“.

In Niedersachsen gibt es 969 Gemeinden, 268 von ihnen haben aktuell keinen Hausarzt. „Wir müssten also mindestens 268 zusätzliche Hausärzte finden, die in den eher kleinen Gemeinden tätig werden wollen“, rechnet der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Mark Barjenbruch vor.

Und wenn man bedenke, dass sich viele junge Ärzte lieber eine Teilzeitbeschäftigung wünschen, dann reichten 268 zusätzliche Ärzte nicht aus. Zudem sei fraglich, ob sich eine Hausarztpraxis in jeder kleineren Gemeinde überhaupt trägt. Außerdem müsse die Frage beantwortet werden, wer das Defizit trägt, wenn in jeder Gemeinde eine Praxis bestehen soll, die Gemeinde für eine eigene Praxis aber zu klein ist.

Auch der Bundesverband Niedergelassener Fachärzte spricht sich gegen einen solchen Rechtsanspruch aus: „Wer glaubt, durch zwangsweise Landverschickung junger Mediziner, denen die ganze Welt und nicht nur die Lüneburger Heide offensteht, den Ärztemangel beseitigen zu können, der setzt definitiv aufs falsche Pferd“, kritisiert Verbandssprecher Dr. Wolfgang Bärtl.
Durch Zuweisung von Ärzten an einzelne Gemeinden.

Das heißt, wenn sich ein Arzt eigentlich in Hannover niederlassen will, dort aber alle Sitze besetzt sind, würde er mitsamt seiner Familie zum Beispiel nach Lüchow-Dannenberg versetzt, weil dort gerade Ärzte fehlen?
Genau. Natürlich kann ich als Arzt in Hannover wahrscheinlich mehr Geld verdienen – allein wegen des größeren Einzugsgebiets. Aber aus unserer Sicht kann es nicht das Ziel sein, dass jeder Arzt genug Geld verdient, sondern dass die medizinische Versorgung sichergestellt ist. Deshalb halten wir hier Steuerungsinstrumente für notwendig.

Denn es ist nicht die Aufgabe der Gemeinden, die ärztliche Versorgung sicherzustellen.

Diese Aufgabe übernimmt die Kassenärztliche Vereinigung. Trauen Sie der das nicht mehr zu?
Wir sehen aktuell, dass diverse Förderprogramme an ihre Grenzen stoßen. So werden zum Beispiel Medizinische Versorgungszentren in kommunaler Trägerschaft mit 50.000 Euro bezuschusst. Mit dem Geld kommt man aber nicht weit. Für 50.000 Euro kann man da vielleicht einmal die Räume durchrenovieren. Aber so langfristig den Umsatz zu garantieren, ist schwierig.

Fühlen Sie sich im Stich gelassen – von der Politik und der Kassenärztlichen Vereinigung?
Vor allem von der Politik, aber auch von der Kassenärztlichen Vereinigung erwarten wir, dass sie ihre Aufgabe wahrnimmt. Noch ist die Lage zwar nicht dramatisch. Aber sie wird es werden, spätestens dann, wenn die nächsten Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Deshalb müssen wir uns jetzt über geeignete Maßnahmen Gedanken machen.

Haben Sie denn schon Gespräche mit Landespolitikern geführt, um vorzufühlen, welche Chancen ihr Vorschlag überhaupt hat?
Wir verstehen unsere Forderung als eine Art Denkanstoß. Deutschland diskutiert über Rechtsansprüche für Kita- und Krippenplätze. Das Thema ärztliche Versorgung ist aber mindestens ebenso wichtig.

Wir werden am Ende ja sehen, was die Förderprogramme oder Anreizinstrumente wie die gerade beschlossene Landarztquote bei der Reform des Medizinstudiums tatsächlich bringen. Ich fürchte nur, dass wir da viel Zeit verlieren und vieles eben nicht funktionieren wird.

29.09.2017 10:00:37, Autor: Marco Münster / durchblick-gesundheit Oktober-Dezember 2017