Mehr als 50 Wochenstunden

Marathon-Dienste in der Praxis

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Die Arbeitsbelastung der niedergelassenen Ärzte ist höher, als viele Patienten vermuten: 50 Stunden pro Woche arbeitet ein Arzt mit eigener Praxis im Durchschnitt, hat eine groß angelegte Befragung ergeben. Ärgerlich dabei: Ein Drittel seiner Arbeitszeit verbringt der Arzt mit Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben wie dem Schreiben von Arztbriefen und dem Praxismanagement. 

An der bundesweiten Befragung, dem sogenannten Praxis-Panel (ZiPP) des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) haben sich bundesweit mehr als 4.360 Praxen beteiligt. Die aktuell veröffentlichten Daten beziehen sich dabei auf das Jahr 2014.

Betrachtet man die rein ärztliche Tätigkeit, also nur die Arbeitszeit mit direktem Patientenbezug (ohne Fortbildung und Praxismanagement), wenden die Ärzte den Ergebnissen der Befragung zufolge gut vier Fünftel (82 Prozent) davon für die Behandlung ihrer gesetzlich versicherten Patienten auf. Etwa ein Achtel (13 Prozent) ihrer Arbeitszeit widmen sie privat versicherten Patienten. Die übrige Zeit entfällt auf Tätigkeiten im Krankenhaus oder die Behandlung von Patienten im Rahmen der gesetzlichen Unfallversicherung.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die niedergelassenen Ärzte gesetzlich und privat versicherten Patienten etwa jeweils gleich viel Arbeitszeit widmeten. Das ist bemerkenswert, da die gesetzlichen Krankenkassen die Arbeitszeit der Ärzte schlechter vergüten als die private Krankenversicherung“, kommentiert Zi-Geschäftsführer Dr. Dominik von Stillfried das Ergebnis. Auch im Vergleich zum Tariflohn eines vergleichbar qualifizierten Oberarztes im Krankenhaus bestehe nach den Daten des Praxis-Panels immer noch „ein bedauerlicher Abstand in der Vergütung je geleisteter Arbeitsstunde“.

Selbstständige Ärzte arbeiten doppelt so viel wie angestellte Kollegen
Mit seinem diesjährigen Praxis-Panel untersuchte das Zi eine Reihe von Aspekten der ärztlichen Arbeitszeit. Dabei sei aufgefallen, dass angestellte Ärzte vor allem Teilzeitmodelle bevorzugten und mit rund 24 Wochenstunden im Schnitt nur halb so viel arbeiteten wie ihre selbständigen Kollegen mit eigener Praxis, heißt es im Bericht. Insgesamt würden Ärztinnen in allen Altersgruppen zu etwas niedrigeren Wochenarbeitszeiten tendieren als ihre männlichen Kollegen. Was das Alter angeht, so arbeiten Ärzte zwischen 50 und 60 Jahren am meisten. Und auch die Altersgruppe der 60er liegt mit ihrem Arbeitspensum noch über dem der 40er, zeigt die Erhebung.

Auch innerhalb der ärztlichen Fachgebiete gibt es deutliche Unterschiede bei der geleisteten Arbeitszeit. Die längsten Zeiten gaben bei der Befragung Kardiologen und Nuklearmediziner mit 57 Wochenstunden an. Augenärzte hingegen arbeiteten 47 Stunden, Psychotherapeuten im Schnitt 45 Stunden. Dabei wendeten Radiologen, Nuklearmediziner und Psychotherapeuten der Untersuchung zufolge die höchsten Anteile ihrer ärztlichen Arbeitszeit für Dokumentationsaufgaben auf. Rund 2,5 Stunden pro Woche investieren die niedergelassenen Ärzte in Fortbildungen, wobei von ärztlichen Psychotherapeuten und psychosomatisch tätigen Ärzten mit 2,7 beziehungsweise 3 Stunden überdurchschnittliche Stundenzahlen angegeben wurden.

Über 15.000 Euro Investitionsstau pro Praxis

Neue Geräte, Verbrauchsmaterialien oder Möbel: Niedergelassene Ärzte müssen ständig investieren, damit die Praxis auf dem neusten stand bleibt. Eine aktuelle Untersuchung zeigt nun jedoch: Es bleibt den Praxisinhabern weniger Geld für solche Investitionen, als eigentlich notwendig wäre. Allein für Medizingeräte, IT und EDV sehen Vertragsärzte im Jahr 2017 einen offenen Investitionsbedarf von 15.000 Euro je Praxis. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) und der Universität Bayreuth, an der bundesweit knapp 900 Ärzte aus 26 Fachgebieten teilnahmen.

Die offenen Investitionen verteilen sich allerdings ungleichmäßig. Je nach Praxis und fachlichem Zuschnitt liegt der nicht umgesetzte Investitionsbedarf auch deutlich darüber. Internistisch tätige Arztpraxen gaben etwa an, 27.500 Euro an offenen Investitionen bei Medizingeräten zu haben und 10.000 Euro bei der IT und EDV. Hinzu kommen weitere Bereiche, in die nicht oder zurückhaltend investiert wird, wie zum Beispiel in die Praxiseinrichtung. „Wenn Ärzte seit Jahren weniger in die eigene Praxis investieren als fachlich erforderlich, ist das besorgniserregend“, erklärt Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zi. Ursächlich sei ein von Bedenken geprägtes Investitionsumfeld. Fast 60 Prozent der Ärzte gaben an, dass sie die Honorarentwicklung als zu unsicher ansehen. Auf Platz zwei der Investitionsbremsen stehen jährlich variierende Steuerzahlungen. Hinzu kämen unzureichende Prognosen der Behandlungspotenziale und Sorgen vor Wettbewerbsnachteilen sowie eine unsichere Praxisnachfolge, so das Zi.

Im Rahmen der Untersuchung wurde unter anderem nach den vergangenen drei Jahren und der Prognose für die nächsten drei Jahre gefragt. Rund 37 Prozent der Ärzte konnten in den letzten drei Jahren Investitionsvorhaben nicht umsetzen und knapp 44 Prozent glauben, dass sie anstehende Investitionen nicht realisieren können werden. „Die Erhebung zeigt: Gesetzgeber und die Krankenkassen haben es in der Hand, den niedergelassenen Ärzten wieder Investitionsperspektiven zu vermitteln“, schlussfolgert von Stillfried.




29.09.2017 10:05:41, Autor: Jan Scholz / durchblick-gesundheit Oktober-Dezember 2017