WHO-Report

Der Welt gehen die wirksamen Antibiotika aus

Die Weltgesundheitsorganisation hat erneut dazu aufgerufen, mehr in die Entwicklung neuer Antibiotika zu investieren. Es seien derzeit zu wenige wirklich neue Substanzen in der Pipeline, um das weltweit zunehmende Problem der Antibiotika-Resistenzen erfolgreich bekämpfen zu können, warnt die Genfer Organisation in einer Mitteilung zu ihrem neuen Bericht „Antibacterial agents in clinical development – an analysis of the antibacterial clinical development pipeline, including Mycobacterium tuberculosis”.

Neue Antibiotika müssen her, fordert die WHO.
© Health&Medicine

Zu den Infektionskrankheiten, die besonders große Sorgen bereitet, gehört die multiresistente Tuberkulose. Laut WHO sterben jährlich 250.000 Menschen an einer antibiotika-resistenten Tuberkulose. Nur 52 Prozent der Patienten weltweit würden erfolgreich behandelt. Aber innerhalb von 70 Jahren seien nur zwei neue Medikamente auf den Markt gekommen.

In ihrem neuen Bericht listet die WHO zwölf Infektionserreger auf, die zunehmend als Bedrohung zu gelten haben, da immer weniger Antibiotika noch gegen diese Keime wirken. Besonders große Sorgen bereiten Infektiologen gram-negative Erreger. So seien Acinetobacter baumannii, Pseudomonas aeruginosa und Enterobacteriaceae sogar schon resistent gegen Carbapenem-Antibiotika geworden. Große Gefahr geht auch weiterhin von Krankenhaus-Infektionen aus, etwa mit C. difficile MRSA.

Antibiotika-Resistenzen seien ein weltweiter Notfall und würden den Fortschritt der modernen Medizin ernsthaft gefährden, so WHO-Direktor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. Es müsse daher unbedingt mehr in die Entwicklung neuer Antibiotika investiert werden; wenn nicht, würden wir in Zeiten zurückgeworfen, in denen die Menschen gewöhnliche Infektionen gefürchtet hätten und kleine chirurgische Eingriffe lebensgefährlich gewesen seien.

Derzeit 51 neue Antibiotika und Biologika in der Entwicklung

Nach Angaben der WHO-Autoren befinden sich derzeit 51 neue Antibiotika und Biologika in der Entwicklung, die möglicherweise gegen resistente Erreger wirksam sind. Dies sei aber nicht genug, da es sehr lange dauere, bis solche neuen Medikamente im klinischen Alltag verfügbar seien. Außerdem müsse davon ausgegangen werden, dass manche der neuen Wirkstoffe sich in klinischen Studien als unwirksam erwiesen. Ausgehend von der durchschnittlichen Erfolgsrate und Entwicklungszeit kann laut WHO mit etwa zehn Zulassungen für neue Wirkstoffe in den kommenden fünf Jahren gerechnet werden. Diese neuen Medikamente würden aber nicht ausreichen, das Problem zu lösen. Außerdem: Es müsse nicht nur in die Forschung zu neuen Wirkstoffen mehr investiert werden; auch die Infektions-Prävention und -Kontrolle müssten verbessert werden.

In Deutschland sei in den letzten Jahren schon einiges gegen die Entwicklung resistenter Erreger getan worden, betont etwa Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe häufig und gerne. So gebe es zum Beispiel gutes Informationsmaterial von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Außerdem sei die Weiterbildungs der Ärzte verbessert worden; mit „Antibiotic-Stewardship-Programmen" (ABS) bemühen sich Kliniken darum, eine rationale Antibiotika-Therapie zu fördern und sicherzustellen. In mehr als 200 Kliniken gebe es bereits eine Verbrauchssurveillance.

Zudem gebe es seit einigen Jahren die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART); diese soll zum Beispiel Bewusstsein und Verständnis für Antibiotika-Resistenzen schärfen, zudem das Wissen durch Surveillance-Systeme zur Antibiotika-Resistenz sowie zum Antibiotika-Verbrauch verstärken und auch dazu beitragen, Antibiotika-Resistenzen durch effektive Hygiene und Infektionsprävention zu vermeiden. Außerdem investiere Deutschland rund 400-Millionen Euro, um die Zahl an Infektiologen, Hygiene- und ABS-Spezialisten in den Kliniken zu erhöhen, so RKI-Präsident Professor Lothar H.Wieler.

Antimikrobielle Wirkstoffe als Alternative

Gleichwohl bleibt der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen eine Daueraufgabe. Als sinnvoll wird außer der Entwicklung neuer Antibiotika auch die von alternativen antimikrobiellen Wirkstoffen angesehen. An solchen Substanzen wird weltweit auch schon geforscht. Ein Beispiel ist der monoklonale Antikörper Bezlotoxumab gegen Clostridium difficile, der im Januar dieses Jahres in der EU zugelassen wurde. Dazu zählen außerdem Probiotika und Impfstoffe, etwa gegen Clostridium difficile und Staphylokokken („The Lancet“).

Diese neuen Therapien werden Antibiotika zunächst nicht ersetzen, sondern ergänzen. Antibiotika werden weiterhin benötigt. Das Problem der Resistenz-Entwicklung wird demnach nicht aus der Welt geschafft sein. Außerdem: Auch für die Entwicklung und Prüfung solcher Alternativen ist viel Geld erforderlich: Auf rund 1,5 Milliarden US-Dollar schätzten Wissenschaftler 2016 den Bedarf in den kommenden zehn Jahren. Und ebenso wie die Entwicklung neuer Antibiotika müsse sich selbstverständlich auch die Entwicklung von Alternativen für die Unternehmen lohnen, so die Wissenschaftler im Fachmagazin „The Lancet“.


20.09.2017 11:05:25, Autor: Dr. med. Thomas Kron