Demenz-Prävention

Was macht tatsächlich Sinn?

Die Sorge vor einer Demenz treibt Viele um – und auch wie sich die neurodegenerativen Vorgänge vermeiden lassen. Anlässlich des Welt-Alzheimer Tages am 21. September sprach der änd über Demenz-Prävention mit einem Experten des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), dem Mediziner und Diplom-Psychologen Dr. Klaus Fließbach, Oberarzt an der Klinik für Neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie am Uniklinikum Bonn.

Dr. Klaus Fließbach: Isoliertes Gedächtnistraining bringt nicht viel.
© privat

Herr Dr. Fließbach, wie kann ich – jetzt Mitte vierzig, bei meiner Mutter wurde gerade Alzheimer diagnostiziert – mein Alzheimer-Risiko beeinflussen? Was gibt es an gesicherten Erkenntnissen zur Primärprävention von Demenzerkrankungen? Welche Maßnahmen machen Sinn und helfen auch?

In dem Zusammenhang stellt sich immer gleich die Frage, welche Risikofaktoren kann man tatsächlich auch beeinflussen? Betrachtet man das mittlere Lebensalter haben sich sich im wesentlichen sechs Faktoren herauskristallisiert, die – das kann man verwunderlich finden – auch immer genannt werden, wenn es um Herz-Kreislauf-Erkrankungen und das kardiovaskuläre Risiko geht. Das sind arterielle Hypertonie, Fettleibigkeit, also ein BMI über 30, Rauchen, Diabetes, körperliche Inaktivität und ein Faktor, den man bisher nicht so auf dem Schirm hatte und über den viel diskutiert wird: die Midlife-Depression.

    Das sind alles epidemiologische Erkenntnisse. Dabei ist es natürlich immer schwer alle möglichen konfundierenden Faktoren herauszurechnen. Nehmen wir die Fettleibigkeit. Die hängt natürlich auch mit dem sozioökonomischen Status und der Bildung zusammen. Aus epidemiologischen Daten Aussagen über die Krankheitsursachen ableiten zu wollen, ist grundsätzlich schwierig.

    Wenn wir uns nun fragen wie wir das Risiko an Alzheimer zu erkranken beeinflussen können, dann stehen wir vor einem großen Problem. Denn wir wollen diese Risikofaktoren ja im jungen und mittleren Lebensalter beeinflussen, also zu einem Zeitpunkt, der in der Regel 20 oder 30 Jahre vor Manifestation der Krankheit liegt. Die Präventionsforschung hat das Problem, dass sie die genannten Risikofaktoren nicht wirklich in Studien untersuchen kann. Man kann ja aus ethischen Gründen einen Fünfzigjährigen mit Bluthochdruck nicht einfach unbehandelt lassen, nur weil man mal sehen möchte wie sich so was auf sein Alzheimer-Risiko auswirkt.

Häufig werden ja Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamin E- und Vitamin D-Präparate empfohlen oder auch Ginkgo-Präparate. Bringen die dauerhafte positive Effekte?

Untersuchungen über einen langen Zeitraum gibt es dazu nicht. Im Hinblick auf die Ernährung gibt es ja grundsätzlich die Empfehlung zur mediterranen Kost. Das ist sicherlich sinnvoll. Wie genau sich das auf das Alzheimer-Risiko auswirkt, kann aber niemand sagen. Menschen, die sich tatsächlich mediterran ernähren und beispielsweise auch viel Fisch essen, leben in der Regel ja auch am Meer. Vielleicht sind es also auch klimatische Faktoren wie die Seeluft, die das Alzheimer-Risiko beeinflussen.

Oder es ist gar der tägliche Blick aufs Meer, das Durchatmen-Können angesichts der Weite? Anders ausgedrückt: Inwieweit spielen psychologische Faktoren ein Rolle? „Geistige Fitness“ und „Erhalt sozialer Kontakte“ werden ja auch oft als Einflussfaktoren genannt?

Das ist ein Befund, der sich durch viele Studien der Risikoforschung zieht. Welche Form der geistigen Betätigung vorzuziehen ist, ist allerdings schwierig zu sagen. Ist Klavierspielen besser als Kreuzworträtsel lösen? Sicher ist aber, dass rege geistige Tätigkeit ein schützender Faktor ist. Man stellt sich dabei vor, dass ein beanspruchtes Gehirn stärkere Netzwerke ausbildet und sich ein Schaden durch einen neurodegenerativen Prozess dadurch erst später bemerkbar macht. Das Ausgangsniveau, die so genannte kognitive Reserve, ist in solchen Fällen einfach größer.

    Einen anderen psychologischen Faktor habe ich ja bereits genannt: eine unbehandelte Depression im mittleren Lebensalter. Der Zusammenhang ist aber noch nicht gut verstanden. Man nimmt an, dass eine Depression mit einer verstärkten Ausschüttung von Cortisol verknüpft ist und dies zu einer hippocampalen Atrophie führt. Wir wissen, dass Menschen mit einer lange unbehandelten Depression ein geringeres Hippocampusvolumen haben. Da kann man sich schon vorstellen, dass ein direkter Zusammenhang zu Alzheimer besteht. Eine Midlife-Depression zu erkennen und zu behandeln ist also auch eine Vorsorgemaßnahme im Hinblick auf Alzheimer. Die größte Evidenz haben wir aber für den Zusammenhang zwischen körperlicher Fitness und dem Alzheimer-Risiko. Ich hatte ja körperliche Inaktivität bereits als Risikofaktor genannt. Es gibt klare Hinweise, dass körperliches Training, koordinatives Training aber auch Muskelkrafttraining und auch Alltagsbewegung einen schützenden Effekt haben, der auch noch in der Sekundär-Prophylaxe hilft. Eine interessante neue Forschungsrichtung beschäftigt sich mit dem Zusammenhang zwischen Gehirn und der Muskulatur: Dabei zeigt sich, dass der altersbedingte Muskelschwund, der körperliche Verfall, sehr eng geknüpft ist an die geistige Leistungsfähigkeit. Neue Studien zeigen beispielsweise, dass der Hirnwachstumsfaktor BDNF, der die Nervenzellneubildung im Hirn stimuliert, von Muskelzellen freigesetzt wird.

Welche Maßnahmen machen neben der körperlichen Betätigung denn in der Sekundär-Prävention noch Sinn, wenn es darum geht das Fortschreiten der Demenz möglichst lange herauszuzögern?

Keinen Sinn macht jedenfalls isoliertes Gedächtnistraining. Das bringt nicht viel. Denn dabei bleibt die Generalisierung aus. Man kann dann zwar eine spezielle Funktion mit der Zeit trainieren. Doch das überträgt sich nur wenig auf kognitive Fähigkeiten im Alltag. Das Aufrechterhalten eines aktiven Soziallebens , der Austausch mit anderen Menschen, ist da sicherlich eine bessere Stimulation. Zum Krankheitsbild gehört leider häufig eine Apathie, ein Antriebsmangel, der solchen Maßnahmen entgegenwirkt: Die Betroffenen stimulieren sich nicht mehr selber. Dem entgegenzuwirken ist dann die pflegerische Herausforderung.

18.09.2017 15:41:04, Autor: Arnd Petry