Europaweit größte Bio-Datenbank geplant

Individuelle Therapie soll Sterblichkeit bei Sepsis senken

Mit einer Behandlung, die an den individuellen Immunstatus des Patienten angepasst ist, wollen Mediziner in Nordrhein-Westfalen künftig die Sterblichkeit bei Sepsis senken. Dazu haben sie mit „SepsisData Net.NRW“ ein spezielles Netzwerk ins Leben gerufen.

Prof. Michael Adamzik auf der Intensivstation des Knappschaftskrankenhauses Bochum
© UK Knappschaftskrankenhaus Bochum

Sie wollen zunächst Befunde und Daten über den Krankheitsverlauf sammeln, um daraus Klassifikationsmodelle für die Sepsis abzuleiten. In drei Jahren soll so die europaweit größte Bio-Datenbank im Bereich der Sepsis-Forschung entstehen. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert das Projekt mit fast vier Millionen Euro.

Bundesweit erkranken jedes Jahr rund 280.000 Menschen an einer Sepsis. Davon geht zumindest die „Sepsis Stiftung“ am Universitätsklinikum Jena aus. Ein Drittel bis die Hälfte der Patienten sterben daran. Damit ist die sogenannte Blutvergiftung nach Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Trotz des medizinischen Fortschritts und einer dadurch bedingten besseren Versorgung von Sepsis-Patienten geht die Sterblichkeit nicht zurück. Die Gründe, die dahinterstecken könnten, will Professor Dr. Michael Adamzik erforschen. Zusammen mit weiteren Experten in Nordrhein-Westfalen hat der Direktor der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie des Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus Bochum das Netzwerk „SepsisDataNet.NRW“ ins Leben gerufen. In den kommenden drei Jahren will Adamzik zunächst Befunddaten von Patienten sammeln, um daraus Klassifikationsmodelle für die Sepsis zu entwickeln. In einem nächsten Schritt sollen anhand der Klassifikationen individuelle, am Immunstatus des jeweiligen Patienten angepasste Therapien abgeleitet werden, um dadurch die Sterblichkeit um ein Vielfaches zu senken.

Digitalisierung und Vernetzung nutzen

Ursache einer Sepsis ist ein Infekt wie etwa eine Pneumonie, eine Meningitis, ein Harnwegsinfekt oder eine Infektion der Haut. Richtet sich dabei die körpereigene Abwehr gegen das eigene Gewebe und schädigt es, kommt es zur Sepsis. Wird sie nicht frühzeitig erkannt und behandelt, kann es zu Schock, Multiorganversagen und Tod kommen. Eine rechtzeitige Behandlung mit Antibiotika, Infusionen und Medikamenten, die Herz und Kreislauf stabilisieren wie etwa Katecholamine, kann die Sterblichkeit halbieren. Doch mit dieser Quote will sich Adamzik nicht zufriedengeben. „Unter einer Sterblichkeitsrate von 40 Prozent schaffen es selbst die besten Kliniken nur selten. Grund dafür ist, dass Patienten mit einer Sepsis im Grunde alle gleich behandelt werden, und zwar symptomatisch“, weiß der Klinikdirektor. Biomarker oder klinische Testverfahren, die das komplexe immunologische Syndrom der Sepsis charakterisieren, existierten nicht, sodass derzeit keine individuelle Therapie möglich sei. Außerdem seien die zeitliche Abfolge und die Stärke der inflammatorischen und anti-inflammatorischen Antwort auf eine entsprechende Behandlung höchst individuell, sodass trotz zahlreicher Forschungen und Publikationen bis heute drei wesentliche Aspekte der septischen Reaktion unklar sind: Welches immunologische Verhältnis von Inflammation und Anti-Inflammation wirkt sich wie auf den Krankheitsverlauf aus? Wie kann der Arzt die jeweilige immunologische Situation des Patienten erfassen und bestimmen? Und wie kann dann eine individuell angepasste Therapie aussehen? Antworten auf diese Fragen soll künftig "SepsisDataNet.NRW" geben. Für die Erhebung von Sepsis-Daten wollen die Mediziner die Digitalisierung und Vernetzung von Kliniken der Universitäten Bochum, Bonn, Köln, Münster und Witten/Herdecke nutzen. In den Aufbau der Datenbank sollen auch Fachleute aus den Bereichen Immunologie, Bioinformatik und Intensivmedizin eingebunden werden.

Europaweit größte Bio-Datenbank zur Sepsis-Forschung

In die Datenbank sollen unter anderem Befunde von Blutuntersuchungen fließen. Dafür wird den Sepsis-Patienten zum Beispiel in den ersten 30 Tagen ihrer Erkrankung Blut abgenommen, um es auf die Zusammensetzung von Proteinen zu untersuchen, die sich in dieser Zeit immer wieder verändert. Daraus erhoffen sich die Mediziner um Michael Adamzik, Muster ableiten zu können, die für Überleben und Sterben sowie Abwehr und Nicht-Abwehr stehen. "Bisher konnten wir nie das gesamte Bild sehen. Durch das Sammeln dieser vielen Daten und Auswerten anhand von intelligenten Algorithmen hoffen wir, endlich die einzelnen Mosaiksteinchen zu einem großen Ganzen zusammenfügen zu können", so Projektleiter Adamzik. "Das ist mühevoll und fordert Kooperationsgeist, doch aufgrund der erschreckenden Letalitätsstatistik, der neuen technischen Möglichkeiten und der Aussicht auf Erfolg ist dieser Weg alternativlos.“ Und noch etwas treibt Adamzik an: „In drei Jahren werden wir vermutlich Europas größte Bio-Datenbank im Bereich der Sepsis-Forschung haben." Davon profitieren sollen vor allem die Patienten, indem sie auf eine speziell auf sie und ihren Immunstatus zugeschnittene Therapie und einer damit verbundenen höheren Überlebenschance hoffen können. Große Hoffnung legt auch das Land Nordrhein-Westfalen in das Projekt und fördert es mit fast vier Millionen Euro.

11.09.2017 14:18:57, Autor: Aus Bochum für den änd: Thomas Schwarz