Rheuma und Sport

„Der Betroffene muss mehr Bewegung wollen, er muss motiviert sein“

Jahrelang gaben Mediziner ihren Patienten mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen den Tipp, sich körperlich zu schonen. Inzwischen belegen zahlreiche Studien für das Krankheitsbild jedoch die positiven Effekte körperlicher Aktivitäten. Auf dieser Basis haben Rheuma-Liga und Sportwissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg nun unter dem Namen „aktiv-hoch-r“ ein spezielles Bewegungsprogramm für Rheumapatienten entwickelt, das Ende Oktober erstmals auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin vorgestellt wird. Prof. Erika Gromnica-Ihle, Ehrenpräsidentin der Deutschen Rheuma-Liga, stand dem änd dazu schon im Vorfeld Rede und Antwort.

Gromnica_Ihle: „Körperliche Inaktivität stellt für Menschen mit Rheuma ein hohes Gesundheitsrisiko dar."
© Rheuma-Liga

Frau Professor Gromnica-Ihle, warum sollten sich Rheumapatienten regelmäßig bewegen?

Menschen mit Rheuma – und das sind 17 Millionen in Deutschland – leiden an Schmerzen und Funktionseinschränkungen im Bewegungsapparat. Ihre Beweglichkeit ist teilweise deutlich eingeschränkt. In den letzten zehn Jahren gab es eine zunehmende Anzahl wissenschaftlicher Studien, die den positiven Effekt körperlicher Aktivität gerade bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nachweisen. Schmerzen und Krankheitsaktivität nehmen ab, die Beweglichkeit verbessert sich, die Steifigkeit am Morgen lässt nach. Sogar die Gelenkzerstörung kann günstig beeinflusst werden.

Dadurch verbessert sich die Lebensqualität vieler Betroffener. Ihr psychisches Wohlbefinden steigt und die Erschöpfungszustände nehmen ab. Die häufig bei rheumatischen Erkrankungen auftretenden Depressionen verringern sich. Zusätzlich hat körperliche Aktivität einen positiven Einfluss auf weitere Begleiterkrankungen des Rheumas: Die gefürchteten Gefäßerkrankungen bei entzündlichem Rheuma wie Herzinfarkt oder Schlaganfall, aber auch Osteoporose oder eine schwache Muskulatur nehmen bei körperlicher Aktivität deutlich ab. Sogar die Menge teurer Rheuma-Medikamente konnte verringert werden.

Körperliche Inaktivität stellt für Menschen mit Rheuma ein hohes Gesundheitsrisiko dar. Und das gilt nicht nur für die entzündlichen rheumatischen Erkrankungen, sondern auch für Menschen mit Arthrose oder einem Fibromyalgie-Syndrom. Trotz dieser Erkenntnisse ist weltweit bei Patienten mit rheumatischen Erkrankungen die körperliche Aktivität zu gering.

Wie sieht das neue Bewegungsprogramm aus und wie unterscheidet es sich von Kursen, wie sie auch manche gute Sportstudios anbieten?

Aktiv-hoch-r ist ein ergänzendes Angebot der Deutschen Rheuma-Liga zu den bereits bestehenden Bewegungsprogrammen, wie beispielsweise dem Funktionstraining, das seit vielen Jahren sehr erfolgreich läuft. Der Sportwissenschaftler Professor Klaus Pfeifer von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hat aktiv-hoch-r zusammen mit der Deutschen Rheuma-Liga entwickelt und dabei die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse berücksichtigt. Das Programm richtet sich an Betroffene, die noch nicht unter wesentlichen Einschränkungen ihrer Beweglichkeit leiden.

Die Teilnehmer bekommen ein an ihre individuelle Situation angepasstes Bewegungsprogramm mit Ausdauer-, Kraft- und Koordinationstraining. Die Gruppen sind mit zirka zwölf Teilnehmern eher klein, damit die hoch qualifizierten und speziell geschulten Kursleiter auch auf die spezielle Situation der Betroffenen eingehen können. Der Unterschied zu allen anderen Trainingsgruppen: Innerhalb der 90-minütigen Trainingseinheit steht neben der körperlichen Aktivität auch Theorie auf dem Programm. In aktiv-hoch-r-Kursen wird Wissen vermittelt, wie man Bewegung sinnvoll in den Alltag einbaut, wie Belastung individuell dosiert werden kann und wie man sich zu regelmäßiger Bewegung motivieren kann. Denn: Körperliche Aktivität ist nur dann nützlich, wenn sie auch ständig durchgeführt wird. Der Betroffene muss wissen, dass Bewegung seine Gesundheit verbessert. Er muss mehr Bewegung wollen, er muss motiviert sein.

Welche Ziele sollen die Rheumapatienten mit aktiv-hoch-r idealerweise erreichen und wie viel Bewegung pro Woche wäre ideal?

Für Menschen mit Rheuma gelten prinzipiell die gleichen Zeiten, die auch die WHO für Gesunde empfiehlt. Aber da viele Menschen mit Rheuma viel zu wenig körperlich aktiv sind, ist erst eine ganz allmähliche Steigerung möglich.

Gerade sind „Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung“ von Alfred Rütten und Klaus Pfeifer herausgegeben worden, die auch Bewegungsempfehlungen für Erwachsene mit einer chronischen Erkrankung beinhalten. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Gesundheit. Dort wird ausgeführt, dass bei bisher körperlich inaktiven Personen jede zusätzliche Bewegung mit einem gesundheitlichen Nutzen verbunden ist.

Das Ziel für 18 bis 65-Jährige lautet:

- 150 Minuten/Woche aerobe körperliche Aktivität mit moderater Intensität (z.B. 5x30 Minuten pro Woche) oder

- 75 Minuten/Woche aerobe körperliche Aktivität mit höherer Intensität oder

- Kombinationen beider Intensitäten, aber dabei 3x10 Minuten/Tag an fünf Tagen der Woche und zusätzlich zweimal wöchentlich muskelkräftigende Übungen.

Für andere Altersklassen gelten angepasste Ziele. Wenn der Betroffene aufgrund von Krankheitsschwere, Symptomatik oder körperlicher Funktionsfähigkeit diesen Anforderungen nicht gerecht werden kann, sollte er so aktiv sein, wie es seine momentane Situation zulässt. Und genau das lotet aktiv-hoch-r aus. Natürlich brauchen chronisch Kranke bei der Aufnahme eines Trainingsprogramms die Einschätzung ihres Facharztes.

Wo gibt es Kurse, wer kann daran teilnehmen und wer trägt die Kosten?

Die Kurse laufen gerade erst in einigen Städten an, Vorreiter sind Berlin, München und Ulm. Aber dabei wird es natürlich nicht bleiben. Die Teilnahme an aktiv-hoch-r-Kursen steht allen offen, sowohl Rheuma-Betroffenen als auch Gesunden. Auch Menschen mit unspezifischem Rückenschmerz profitieren von der Teilnahme. Die gesetzlichen Krankenkassen haben das aktiv-hoch-r-Programm als Präventionsmaßnahme anerkannt. Bei aktiver und regelmäßiger Teilnahme gewähren sie einen Zuschuss bis zu 80 Prozent der Kursgebühr, eine ärztliche Verordnung brauchen die Teilnehmer nicht. Die genaue Kostenerstattung kann von Kasse zu Kasse unterschiedlich sein. Interessierte finden alle Infos unter www.aktiv-hoch-r.de.


06.09.2017 14:59:26, Autor: Interview: Jutta Heinze