Metaanalyse bestätigt Zusammenhang

Zu viel Lärm macht das Herz krank

Die Häufigkeit von ischämischen Herzerkrankungen steigt statistisch signifikant mit dem Ausmaß der Belastung durch Verkehrslärm. Das zeigt eine Metaanalyse, die ein internationales Forscherteam auf dem Europäischen Kardiologie-Kongress (ESC) in Barcelona präsentiert hat.

„Angesichts der Auswirkungen von Lärm auf die Ausschüttung von Stresshormonen und die Schlafqualität scheint ein kausaler Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und einer ischämischen Herzerkrankung plausibel“, schreiben die Studienautoren.
© BildPix.de/Fotolia.com

Die Auswertung soll in eine Aktualisierung der Richtlinie der WHO-Region Europa zum Thema Lärmbeeinträchtigung einfließen. Die verfügbaren Studien sind generell von hoher Qualität, wenn auch experimentelle Arbeiten fehlen“, so die Studienautoren. „Angesichts der Auswirkungen von Lärm auf die Ausschüttung von Stresshormonen und die Schlafqualität scheint ein kausaler Zusammenhang zwischen Verkehrslärm und einer ischämischen Herzerkrankung plausibel.“

Das internationale Forscherteam aus den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und Spanien hat die Metaanalyse in Vorbereitung einer Aktualisierung der „Environmental Noise Guideline“ des WHO-Regionalbüros für Europa durchgeführt. Die derzeit geltende Richtlinie wurde 1999 verabschiedet und berücksichtigt wissenschaftliche Literatur bis 1995. Seither gab es einige neue Erkenntnisse über die gesundheitsschädlichen Wirkungen von langfristiger Lärmbelastung.

Ausgewertet wurden insgesamt 61 Publikationen, die seit 2000 erschienen sind und deren Daten eine Risikoanalyse ermöglichten. Eine robusteste Datenlage liege für Straßenverkehrslärm vor, weniger hingegen für die Belastung durch Zug- oder Flugzeuglärm, heißt es in einer Mitteilung der deutschen Kardiologen-Gesellschaft. Bei einer Analyse aller Daten (7451 Fälle von Ischämischer Herzerkrankung) errechneten die Forscher ein relatives Erkrankungsrisiko von 1,08 pro 10 Dezibel Anstieg des Straßenverkehrslärms (95% CI 1,02 – 1,15). Für einen Zusammenhang zwischen KHK und Lärm sprechen nach Angaben der Autoren auch Studien-Daten zur Prävalenz ischämischer Herzerkrankungen sowie zur KHK-Mortalität.

Dass Lärm nervt, Stress bereitet und krank machen kann, haben bereits mehrere Studien ergeben. So geht zum Beispiel nächtlicher Fluglärm mit einem erhöhten Risiko für Bluthochdruck einher, bestätigte erst kürzlich eine Beobachtungs-Studie eine Vielzahl anderer Untersuchungen zum Zusammenhang von Lärm und Herzkreislauf-System („Occupational & Environmental Medicine“).

Ausgewertet wurden Daten von 420 Erwachsenen, die in der Nähe des internationalen Flughafens von Athen lebten und deren Lärm-Exposition in den Jahren 2004 bis 2006 ermittelt wurde. 2013 wurde bei 17 Prozent der Studienteilnehmer Bluthochdruck diagnostiziert und bei elf Prozent Herzrhythmusstörungen. Statistische Berechnungen, bei denen relevante Einflussfaktoren berücksichtigt wurden, ergaben laut den Autoren einen signifikanten Zusammenhang zwischen nächtlichem Lärm und Bluthochdruck sowie Arrhythmien. Die Resultate der Studie stimmten im Großen und Ganzen mit den Ergebnissen anderer Studien überein, lautet das Fazit der Autoren um Dr. Konstantina Dimakopoulou (Universität Athen).

Dass nächtlicher Fluglärm gesundheitsschädlich sein kann, haben zum Beispiel vor wenigen Jahren auch Mainzer Wissenschaftler um Professor Thomas Münzel berichtet. So könne nächtlicher Fluglärm die Endothelfunktion beeinträchtigen und den Blutdruck steigern, so die Forscher im Fachblatt „Clinical Research Cardiology“. Ausführlich dargestellt hat den Zusammenhang 2013 auch ein internationales Wissenschaftlerteam in einem Übersichtsbeitrag im „Lancet“.

Schon vor über 100 Jahren prophezeite übrigens Robert Koch: „Eines Tages wird der Mensch den Lärm ebenso unerbittlich bekämpfen müssen wie die Cholera und die Pest.“ Laut WHO ist Lärm eine der wichtigsten krank machenden Umweltfaktoren. Durch verkehrslärm-bedingte Schlafstörungen und ischämische Herzkrankheiten etwa gingen allein in den westlichen EU-Staaten jährlich mindestens eine Million Jahre gesunden Lebens verloren, klagt die WHO. Von Hörschäden durch Lärm seien weltweit mehr als eine Milliarde Menschen betroffen.

28.08.2017 11:04:22, Autor: Dr. med. Thomas Kron