Unspezifischer Kreuzschmerz

Am besten hilft immer noch Bewegung

Bis zu 85 Prozent der Menschen in Deutschland leiden mindestens einmal im Leben an Kreuzschmerzen. Lässt sich für den Schmerz keine organische Ursache finden, ist Bewegung die beste Therapie. Medikamente können dabei helfen, die körperliche Aktivität wiederaufzunehmen. Daran erinneren die Autoren der aktualisierten Versorgungsleitlinie zum nicht-spezifischen Kreuzschmerz. Außerdem sollen mögliche psychische Ursachen und Probleme im sozialen Umfeld stärker in Betracht gezogen werden.

Bei 85 Prozent der Patienten gehen die Schmerzen mit Bewegung nach einigen Wochen von selbst deutlich zurück.
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Um akute Rückenschmerzen zu lindern, hilft vor allem Bewegung: „Wir raten Patienten deshalb, trotz der vermeintlichen Einschränkung körperlich aktiv zu sein. Wer sein Bewegungsprogramm Schritt für Schritt wieder aufnimmt und sich täglich bewegt, trägt immens zu seiner Genesung bei“, sagt Professor Bernd Kladny, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC). Bei 85 Prozent der Patienten gehen die Schmerzen so nach einigen Wochen von selbst deutlich zurück.

„Schmerzmittel und Entzündungshemmer können Patienten gut dabei unterstützen, wieder in Bewegung zu kommen“, so der Chefarzt der Abteilung Orthopädie und Unfallchirurgie an der Fachklinik Herzogenaurach in einer Mitteilung der Fachgesellschaft. Laut der Leitlinie sollten Arzneimittel aber so kurz wie möglich in geringstmöglicher Dosierung eingesetzt werden. Bettruhe dagegen könne die Schmerzen verstärken und sogar dazu führen, dass diese chronisch werden. Deswegen raten die Autoren der Leitlinie auch von passiven Therapien wie Massage oder Taping ab. Wenn Medikamente und die Behandlung der Symptome keine deutliche Linderung bringen, kann der Patient sich zusätzlich für eine Akupunktur entscheiden.

Die neue Versorgungsleitlinie erinnert darüber hinaus daran, dass eventuelle psychische Belastungen und Probleme im sozialen Umfeld in den Fokus in den Fokus gerückt werden sollten. „Seelische Belastungen und Rückenprobleme können sich sogar gegenseitig verstärken“, sagt Professorin Andrea Meurer, Präsidentin des Deutschen Kongresses für Orthopädie und Unfallchirurgie (24. bis 27. Oktober 2017, Berlin).

Bildgebende Untersuchungen halten die Leitlinien-Autoren bei akuten nicht-spezifischen Kreuzschmerzen in den meisten Fällen für überflüssig. Halten die Kreuzschmerzen länger als vier bis sechs Wochen an, dann muss der Einsatz bildgebender Verfahren geprüft werden. Weiterhin rät die Leitlinie zu einem multimodalen Behandlungsprogramm bestehend aus Schmerztherapie, Bewegung, Gymnastik, Entspannungstraining und Psychotherapie. „In den allermeisten Fällen sind Rückenschmerzen ungefährlich“, betont Kladny. „Wenn keine ernsten Erkrankungen vorliegen, gilt es, den Patienten darüber aufzuklären, wie er seinen Rücken langfristig stärken kann“, empfiehlt Kladny. Deswegen enthält die neue Leitlinie auch eine Version für Patienten.

Wenn die Schmerzen allerdings chronisch werden, ist die Therapie meist das, was man euphemistisch als Herausforderung bezeichnen kann. Das Spektrum der konservativen Therapien für Patienten mit unspezifischen chronischen Kreuzschmerzen (UCK) ist zwar enorm; angewendet werden etwa Bettruhe, TENS, Massagen, Orthesen, Rückenschule, Infiltrationen, Injektionen, NSAR, Opioiden, Antidepressiva, Thermotherapie und und und. So groß die Vielfalt ist, so gering ist allerdings die Zahl der Therapien, für die ein langfristiger Nutzen bei UCK überzeugend belegt ist. Für manche Maßnahmen gelte, dass sie mangels Daten nicht ausreichend beurteilt werden könnten, so Dr. Jan Bredow (Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Köln) und seine Mitautoren in einem Übersichtsbeitrag. Eine Wirksamkeit bei UCK sei daher zwar nicht belegt, aber auch nicht ausgeschlossen. Dies trifft laut Bredow und seinen Kollegen etwa auf die Akupunktur zu. Unklar sei auch der Nutzen von TENS. Ähnlich sei es bei der Lasertherapie. Nicht eindeutig geklärt sei auch, wie berichtet, die Wirksamkeit von Massagen. Keine Evidenz existierte auch für einen Nutzen von lumbalen Orthesen für Patienten mit UCK.

Für einige Therapien gebe es immerhin Hinweise auf einen Nutzen bei akuten bis subakuten Schmerzen, etwa für epidurale Injektionen. Auch die Rückenschule wirke bei akuten und subakuten Rückenschmerzen. Für chronische unspezifische Kreuzschmerzen sei die Wirksamkeit jedoch weiterhin unklar. Auch bei der Thermotherapie könne von einer kurzfristigen Wirksamkeit bei akuten Beschwerden ausgegangen werden. Doch ob sie auch „langfristig Wirkungserfolg“ habe, sei unklar. Im Gegensatz zu allen bislang genannten Therapien gibt es nach Angaben von Bredow und seinen Kollegen für Bewegung ausreichende Belege, dass sie bei UCK dauerhaft hilft.

Und wie steht es um die medikamentöse Therapie? Intensiv diskutiert wird seit Jahren die Behandlung mit Opioiden, insbesondere die Langzeittherapie. Laut einer Metaanalyse hätten Opioide einen „kurz wirksamen Effekt“, schreiben Bredow und seine Kollegen. Ob Opioide jedoch für eine langandauernde Behandlung bei UCK geeignet seien, sei unklar. Wichtig ist insbesondere, alle Therapieversuche mit Opioiden sorgfältig zu dokumentieren. Dies betonen unter anderen auch die Autoren der Leitlinie LONTS.

11.08.2017 08:53:12, Autor: Dr. med. Thomas Kron