Methadon

Ein Schmerzmittel, aber kein „Krebsheilmittel“

Ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin weist nun auch die Deutsche Schmerzgesellschaft darauf hin, dass Methadon zwar ein wirksames Schmerzmittel für Krebskranke ist. Das Opioid sei jedoch kein „Krebsheilmittel“. Es sollte daher nicht zur Tumortherapie eingesetzt werden. Die derzeit vorliegenden Daten aus Labor- und Tierversuchen sowie einer Studie mit 27 Krebs-Patienten reichten nicht aus, um eine Behandlung zu rechtfertigen. Einige Medienberichte weckten dennoch bei an Leukämie oder Hirntumor erkrankten Patienten die unberechtigte Hoffnung auf Heilung.

Methadon ist nur zur Schmerztherapie oder zur Substitution bei Opiatabhängigkeit zugelassen.
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Seit einigen Monaten kursieren in den Medien Berichte über eine angebliche onkologisch-therapeutische Wirkung des Opioids Methadon, das die meisten Menschen vor allem als „Entzugsmittel“ für Heroinabhängige kennen. „Wir setzen Methadon zudem seit vielen Jahren bei Patienten mit Tumorschmerzen ein. Es ist ein stark wirkendes Medikament mit erheblichen Nebenwirkungen und überdies nicht einfach zu steuern, da es eine hohe Halbwertszeit besitzt“, erklärt Privatdozent Stefan Wirz, Sprecher des Arbeitskreises Tumorschmerz der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. Damit steige die Gefahr, dass sich die Konzentration von Methadon im Blut stark erhöhe und es zu lebensgefährlichen Komplikationen komme, beispielsweise zu einem Atemstillstand. Weitere opioidtypische Nebenwirkungen von Methadon seien Übelkeit und Erbrechen, Verstopfung, Atembeschwerden, Veränderung der Geschlechtshormone und Herzrhythmusstörungen.

Einige Fernseh- und Hörfunkbeiträge haben erste Erkenntnisse zu „Methadon als Krebsmittel“ aus Labor- und tierexperimentellen Studien sowie einer im März veröffentlichten Studie aufgegriffen, an der 27 Krebs-Patienten teilnahmen, die Hirntumore (Gliome) haben. Diese Beiträge vermittelten den Eindruck, dass Methadon vor allem für therapieresistente Tumoren eine erfolgversprechende Therapieoption sei. „Das ist falsch. Was im Labor und in sehr kleinen Studien funktioniert, hat bei Patienten in der breiten Anwendung nicht zwangsläufig die gleiche Wirkung“, betont Wirz, der als Chefarzt der Abteilung für Anästhesie, Interdisziplinäre Intensivmedizin, Schmerzmedizin/Palliativmedizin am katholischen Krankenhaus im Siebengebirg (Bad Honnef) tätig ist. Infolge von Medienberichten entstand außerdem ein erheblicher Druck auf Ärzte, Methadon zu verschreiben.

Im Laborversuch hatten Forscher 2014 herausgefunden, dass Methadon bei Glioblastomzellen die Wirkung von Zytostatika um 90 Prozent verstärken. Grund dafür sind Opioid-Rezeptoren an der Oberfläche der Tumorzellen, an die das Methadon, aber auch die anderen zur Schmerztherapie eingesetzten Opioide, andocken. Dadurch wird die Aufnahme des Zytostatikums in die Zelle erleichtert und der Transport aus der Zelle gehemmt, sodass sich das Medikament in den Krebszellen besser anreichert. Zwei günstige Effekte, die das Absterben der Tumorzelle beschleunigen können. „Ob Methadon oder andere Opioide diese unterstützende und verstärkende Wirkung auch bei Patienten mit Glioblastom haben könnten, weiß man zum jetzigen Zeitpunkt nicht“, so Wirz.

Methadon ist nur zur Schmerztherapie oder zur Substitution bei Opiatabhängigkeit zugelassen. „Eine Prognosebesserung durch Methadon bei Tumorpatienten ist nicht wissenschaftlich belegt. Der Arbeitskreis Tumorschmerz lehnt daher – wie einige andere medizinische Fachgesellschaften auch – eine Anwendung Methadons zur Tumortherapie ab“, betont Wirz. Der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft Professor Martin Schmelz ergänzt: „Ein zentrales ärztliches Behandlungsziel lautet: ‚Erstens: Richte keinen Schaden an.‘ Wenn also die Aktivierung von Opioid-Rezeptoren an Tumorzellen für die Wirkung von Methadon verantwortlich sein soll, muss doch an Tumorzellen zunächst getestet werden, ob die klinisch ohnehin breit eingesetzten Opioide wie Morphin, Fentanyl oder Oxycodon die gleiche Wirkung haben.“ Bevor eine problematische Substanz wie Methadon am Menschen getestet wird, muss demnach klar sein, dass man den gleichen Effekt nicht auch mit einer nebenwirkungsärmeren Substanz erzielen kann. Es existieren derzeit aber weder diese Grundlagenergebnisse noch die erforderlichen kontrollierten Studien an Patienten. Ohne diese Evidenz darf eine verantwortungsvolle Medizin den Einsatz von Methadon zur Tumortherapie nicht befürworten.

„Mit der Hoffnung und den Erwartungen der Patienten darf man nicht leichtfertig umgehen“, so der Schmerzforscher Schmelz (Klinik für Anästhesiologie an der Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg). In Übereinstimmung mit der Stellungnahme der Heimatfakultät, aus der die Primärergebnisse zu Methadon stammen, sieht Schmelz zudem die Gefahr, dass Patienten durch solche Fehlinformationen eine etablierte und wissenschaftlich belegte Therapie ablehnen könnten, um stattdessen eine Methadon-Therapie zu fordern, deren Wirksamkeit gegen Tumoren nicht erwiesen ist.

17.07.2017 09:51:12, Autor: Dr. med. Thomas Kron