Kohorten-Studie

Doch keine Demenz-Prävention durch Sport?

Entgegen der häufig verkündeten Annahme schützt körperliche Aktivität Menschen mittleren Alters vielleicht doch nicht vor der Entwicklung einer Demenz. Möglicherweise sei körperliche Inaktivität nur ein frühes Zeichen einer beginnenden, aber noch „präklinischen Demenz“, schlussfolgern französische Wissenschaftler um Dr. Séverine Sabia (INSERM Paris) aus den Ergebnissen einer prospektiven Kohorten-Studie (Whitehall II) mit einer mittleren Verlaufsbeobachtungszeit von 27 Jahren („British Medical Journal“). Zwischen 1985 bis 1988 wurden über 10.000 Menschen im Alter von 35 bis 55 Jahre in die Studie aufgenommen.

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Von 1985 bis 2013 wurde insgesamt siebenmal erfasst und dokumentiert, ob die Teilnehmer körperlich so aktiv waren wie empfohlen (2,5 Stunden pro Woche). Zwischen 1997 und 2013 wurde mehrfach die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmer geprüft. Bei 329 fiel bis zum Jahr 2015 erstmals eine Demenz auf. Statistische Berechnungen ergaben keinen Zusammenhang zwischen physischer Aktivität und Demenz-Risiko.

Zwischen Teilnehmern mit und ohne Demenz bestanden keine Unterschiede in ihrer körperlichen Aktivität 28 und zehn Jahre vor Auftreten der Demenz. Dagegen nahm neun Jahre vor der Demenz-Diagnose bei den Betroffenen die körperliche Aktivität mit der Zeit immer mehr ab. Die Autoren vermuten daher, dass die Abnahme der körperlichen Aktivität eine Folge einer noch nicht diagnostizierten „präklinischen“ Demenz sein könnte.

Bedeuten die Ergebnisse nun, dass Bewegung und Sport für die Demenz-Prävention und -Therapie so gut wie keine Bedeuting haben? Wohl kaum! Denn zum einen schließen die Ergebnisse nicht aus, dass mehr Bewegung jenen Teilnehmern, die vor der Demenz-Diagnose körperlich inaktiver wurden, doch etwas genutzt hätte. Zum anderen gibt es eine Fülle epidemiologischer, klinischer und tierexperimenteller Studien, die dafür sprechen, dass ein physisch aktives Leben einer Demenz entgegenwirken kann. Neurobiologische und verhaltenswissenschaftliche Studien hätten gezeigt, „dass körperliche Aktivität und Sport die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern und – insbesondere im Alter – zur Steigerung der Lebensqualität und einem selbstständigen Lebensstil beitragen“, berichteten zum Beispiel Wissenschaftler eines Projektes der Deutschen Sporthochschule Köln zur Alzheimer-Prävention. Außer „kurzzeitigen funktionalen Effekten finden sich vermehrt Hinweise darauf, dass ein aktiver Lebensstil auch strukturelle Veränderungen in der Gehirnsubstanz mit sich bringt und damit neurodegenerativen Erkrankungen wie beispielsweise einer Demenzerkrankung vorbeugen kann, bzw. deren Verlauf positiv beeinflussen kann“, hieß es in einer Mitteilung der Kölner Sporthochschule zu dem von Professor Stefan Schneider geleiteten Projekt, das vom Bund und der EU mit 1,3 Millionen Euro gefördert wird. Untersucht wird die Auswirkung eines moderaten einjährigen Ausdauertrainings auf die Progression der leichten kognitiven Beeinträchtigung und den Übergang zur Alzheimer-Demenz („BMC Geriatrics“). Zwar zeigten erste Studien eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität und Selbstständigkeit von Alzheimer-Patienten bereits nach drei Monaten moderater sportlicher Aktivität, jedoch sei derzeit wenig darüber bekannt, wie sich ein kontrolliertes, regelmäßiges Sport- und Bewegungsangebot auf die Progression der Neuropathologie bein Patienten im Frühstadium der Erkrankung auswirke, begründen die Wissenschaftler das Projekt.

Körperliche Aktivität sei „ein robuster Faktor, der vor der Entstehung von Demenzen schützt“, so die beiden Neurologen Professor Jörg B. Schulz (Neurologische Klinik, RWTH Aachen) und Professor Günther Deuschl (Universität Kiel) in einem Übersichtsbeitrag zum Einfluss des Lebensstils auf neurodegenerative Erkrankungen.

„Die Hinweise verdichten sich, dass eine Alzheimer-Demenz nicht allein Schicksal ist“, so auch der Kölner Demenz-Forscher Professor Frank Jessen bei der Vorstellung der „S3-Leitlinie Demenzen“. Und: „Es gibt wahrscheinlich Möglichkeiten, das Risiko einer Erkrankung zu mindern. Als Faustregel gilt: Was dem Herz gut tut, hilft auch dem Gehirn.“ Darum gelte es, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Übergewicht im Auge zu behalten, um diesen Risikofaktoren frühzeitig medizinisch entgegenzuwirken. Ein gesunder und aktiver Lebensstil, körperliche Bewegung und ein aktives soziales Leben seien weitere Faktoren, die dabei helfen könnten, die Erkrankung zu bremsen.

16.07.2017 10:38:43, Autor: Dr. med Thomas Kron