Rheinland-Pfalz

Erneuter Hinweis auf zu geringe Impfquoten

Auf immer noch bestehende Impflücken weist das Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz hin. Ein Blick in die Daten des Amtes (LUA) für das Jahr 2016 zeigt: Gerade bei Erwachsenen klaffen immer wieder Impflücken, die eine Ausbreitung von ansteckenden Erkrankungen begünstigen. Dabei könnten Ausbrüche im Keim erstickt werden, wenn deutlich über 90 Prozent der Bevölkerung immun bzw. geimpft wären.

Masern sind entgegen der landläufigen Meinung keine Kinderkrankheit; es kommt auch wegen der Impflücken bei Erwachsenen immer wieder zu Ausbrüchen.
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Da vor 1970 in Deutschland so gut wie gar nicht gegen Masern geimpft wurde, kann für alle vor diesem Zeitpunkt Geborenen eine natürlich erworbene Immunität angenommen werden. Alle nach 1970 Geborenen dagegen sollten ihren Masern-Impfschutz unbedingt überprüfen. Ab diesem Zeitpunkt wurde der Erreger durch die Impfung zurückgedrängt, weshalb man nicht mehr von einer natürlich erworbenen Immunität ausgehen kann.

Masern sind entgegen der landläufigen Meinung nämlich keine Kinderkrankheit; es kommt auch wegen der Impflücken bei Erwachsenen immer wieder zu Ausbrüchen. Bei den 14 Masern-Erkrankungen, die dem LUA 2016 gemeldet wurden, waren acht der Betroffenen über 20 Jahre alt. Sieben von ihnen mussten sogar im Krankenhaus behandelt werden. Zum Teil sehr gut sei es um den Impfschutz der rheinland-pfälzischen Kinder bestellt, wie die jährlichen Schuleingangsuntersuchungen zeigten. Er liege in dieser Altersgruppe nur knapp unter der von der WHO für die Ausrottung der Masern geforderten 95-prozentigen Impfquote.

Deutschland insgesamt habe bei der Masern-Elimination noch Nachholbedarf, meldete Anfang des Jahres auch das Robert-Koch-Institut (RKI) im „Epidemiologischen Bulletin“ (1/2017). Von dem durch die Weltgesundheitsorganisation definierten Ziel, die Masern bis 2020 auszurotten, sei Deutschland noch weit entfernt.

„Schlimm, dass Deutschland inzwischen in Europa das Schlusslicht der Masernelimination darstellt“, betonte Professor Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. „Bundesweit liegt die Impfquote für die zweite Masern-Impfung 36 Monate alter Kinder bei 86,1 Prozent“, so das RKI. Dabei seien die regionalen Unterschiede auffallend: In den alten Bundesländern liegt die Quote mit 89 Prozent höher als in den neuen Bundesländern (85,9 %, ohne Sachsen). Spitzenreiter bei der Masern-Impfquote sei Hessen (90,3 %), Schlusslicht ist Sachsen (40,3 %; allerdings wurde hier bis Ende 2016 die zweite Masern-Impfung ab dem 60. Lebensmonat empfohlen). Zu den WHO-Indikatoren für eine erfolgreiche Eliminierung gehören eine stabile Impfquote von mindestens 95 % für die zweifache Masern-Impfung bzw. eine Bevölkerungsimmunität von 95 %. Diese Quote erreiche kein Bundesland in Deutschland.

Beispiel Keuchhusten

Die Keuchhustenfälle in Rheinland-Pfalz nahmen von 337 im Jahr 2015 auf 570 im Jahr 2016 zu, das entspricht einem Anstieg um 79 Prozent. Für Säuglinge kann Keuchhusten bekanntlich lebensbedrohlich sein. Sie können bis zu ihrer eigenen Impfung jedoch nur dadurch vor einer Erkrankung geschützt werden, wenn sich die Kontaktpersonen in ihrem Umfeld impfen und ihren Impfschutz alle zehn Jahre auffrischen lassen. Das Ansteckungsrisiko ist nämlich sehr hoch: Von den 570 in Rheinland-Pfalz registrierten Keuchhustenfällen wurden etwa 30 Prozent in sogenannten Herden von zwei bis sechs Personen gemeldet. Wie bei Masern ist auch bei Keuchhusten die Impfquote unter Schulanfängern mit über 96 Prozent erfreulich hoch.

Beispiel Windpocken

Auch die Zahl der Windpockenfälle in Rheinland-Pfalz hat zugenommen. Sie stieg um 43 Prozent von 605 im Jahr 2015 auf 865 im vergangenen Jahr. Für Erwachsene können Windpocken in seltenen Fällen tödlich sein. Eine Infektion während der Schwangerschaft kann zu neurologischen Erkrankungen und Fehlbildungen des Kindes führen. Zuletzt lag die Impfquote unter Erstklässlern in Rheinland-Pfalz bei 89 Prozent. Diese Quote ist noch zu niedrig, weshalb es immer wieder zu kleineren Ausbrüchen von Windpocken kommt. 2016 wurden 91 solche Infektionsherde von mindestens zwei oder mehr zusammenhängenden Windpockenfällen durch die Gesundheitsämter in Rheinland-Pfalz registriert.

In Frankreich sollen Eltern ab 2018 ihre Kinder gegen elf Krankheiten impfen lassen müssen, wie Premierminister Edouard Philippe vor wenigen Tagen angekündigt hat. In Italien wurde im Mai dieses Jahres beschlossen, dass Kinder künftig gegen zwölf Krankheiten geimpft werden müssen. Kinder im Alter bis zu sechs Jahren sollen ohne die geforderten Impfungen in Zukunft nicht mehr in Krippen, Kindergärten und Vorschulklassen aufgenommen werden. Eltern, die ihre schulpflichtigen Kinder ab sechs Jahren nicht impfen lassen, sollen hohe Bußgelder zahlen müssen.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hält die Einführung einer Impfpflicht in Deutschland nicht für nötig, um die Masern zu eliminieren. Die FDP sprach sich hingegen beim Bundesparteitag Ende April für eine allgemeine Impfpflicht für Kinder bis 14 Jahren aus.

11.07.2017 14:51:21, Autor: Dr. med. Thomas Kron