Interview mit Buchautorin

„Leider hat Abwarten kein gutes Image“

Jan Schweitzer, Ragnhild Schweitzer: „Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker. Warum Abwarten oft die beste Medizin ist“
KiWi-Paperback, ISBN: 978-3-462-04767-7, erschienen am 6.4.17, 272 Seiten, Preis: 14,99 Euro
© Kiepenheuer & Witsch
Häufig ist es besser, erst einmal nichts zu tun, statt zu behandeln. Das behaupten Dr. Ragnhild und Jan Schweitzer in ihrem Buch „Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker. Warum Abwarten oft die beste Medizin ist“ „durchblick gesundheit“ sprach mit der Autorin.

Frau Dr. Schweitzer, was hat Sie dazu bewogen, ein Buch zu schreiben mit dem Titel „Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker“? Sie und Ihr Mann und Mitautor sind ja auch Ärzte. Trauen Sie dem eigenen Berufsstand nicht mehr über den Weg?
Doch, aber wir hatten so manches Mal kein glückliches Händchen, wenn es um unsere Gesundheit und um die unserer Kinder ging – obwohl wir ja beide Mediziner sind. Wir haben selbst bei Bagatellen immer gleich losgelegt. Und als einfache Fersenschmerzen unseres Sohnes durch unseren Aktionismus zu einem Leistenbruch führten, der operiert werden musste, haben wir uns gesagt: Wir müssen ein Buch schreiben, um unseren eigenen Aktionismus endlich einzudämmen und um auch anderen klarzumachen, dass vieles in der Medizin mehr schadet als nutzt und es daher oft besser ist, einfach erst mal abzuwarten.

Leider hat Abwarten in der Medizin aber kein gutes Image. Weder bei den Patienten, die ja nicht stundenlang im Wartezimmer ausharren, nur um dann vom Doktor zu hören „Wir tun erst einmal gar nichts!“, noch bei den Ärzten. Nach dem Motto „Viel hilft viel“ finden sie oft eher einen Grund dafür, etwas zu tun, als etwas nicht zu tun. Und so werden in den deutschen Praxen und Kliniken häufig Apparate angeworfen und Behandlungen angeordnet, obwohl Abwarten und Beobachten die beste Medizin wären.

Die Autoren

Dr. Ragnhild Schweitzer arbeitete nach ihrem Medizinstudium als Ärztin und später als Fachredakteurin für Medizin. Seit 2009 schreibt sie als freie Medizinjournalistin unter anderem für Die Zeit, Zeit Wissen oder Stern Gesund leben.

Jan Schweitzer war nach seinem Medizinstudium als Arzt tätig. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und arbeitete als Medizinredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und beim Stern und war von 2007 bis 2013 Chefredakteur von Zeit Wissen. Heute ist er Redakteur der Zeit im Ressort Wissen.
In welchen Fällen ist es denn nachweislich besser für die Gesundheit eines Patienten, wenn man als Arzt auf therapeutische Maßnahmen verzichtet?
Da gibt es in vielen Fachgebieten zahlreiche Beispiele, von der intakten Zahnfüllung, die nur deswegen ersetzt wird, weil sie aus Amalgam besteht, bis hin zu Gallenblasen-Operationen bei beschwerdefreien Steinträgern. Die „Choosing Wisely“-Initiative, eine amerikanische Bewegung von wissenschaftsorientierten Medizinern, veröffentlicht seit Jahren Top-5-Listen mit Maßnahmen, die Ärzte in der Diagnostik und Behandlung von Krankheiten nicht ergreifen sollten. Jede Fachgesellschaft stellt sie für ihr Gebiet zusammen.

Nehmen wir die Atemwegsinfektionen und die Rückenschmerzen: Damit gehen viele Menschen sehr häufig zum Arzt, und dann geschieht etwas, was nicht geschehen sollte. Denn bei Husten und Schnupfen verschreiben Mediziner heute immer noch viel zu oft Antibiotika, obwohl meist Viren die Ursache sind und die Erkältung nach gut einer Woche von ganz allein wieder verschwindet.

Der Patient hat also von dem Medikament nichts als potenzielle Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden oder ein erhöhtes Risiko für Resistenzen. Auch akute Kreuzschmerzen gehen nach ein paar Wochen meist ganz von selbst wieder weg, wenn man aktiv bleibt. Doch statt ihre Patienten darüber aufzuklären und erst einmal abzuwarten, machen Ärzte oft ein Röntgenbild, zücken Spritzen oder verordnen Ruhe – und machen damit alles nur noch schlimmer.

Wie denn?
Auf den Bildern sieht man häufig Abnutzungserscheinungen, die mit den Beschwerden meist nichts zu tun haben, aber weitere Behandlungen nach sich ziehen und den Patienten glauben lassen, sein Rücken sei kaputt. Mit den Spritzen riskieren Ärzte Infektionen oder Nervenschädigungen, obwohl eine Schmerztablette völlig ausreichen würde. Und es ist inzwischen wissenschaftlicher Konsens, dass es den Patienten schadet, wenn sie sich mit Rückenschmerzen schonen.

Kein Arzt will sich doch von Patienten vorwerfen lassen, gar nichts oder zu spät etwas unternommen zu haben. Gleichzeitig erwarten viele Patienten, wie Sie bereits gesagt haben, bei einem Arztbesuch ja auch irgendeine Form der Behandlung. Wie lassen sich unnötige Untersuchungen oder Behandlungen Ihrer Ansicht nach verhindern?
Ganz entscheidend ist, dass Arzt und Patient wieder mehr miteinander reden, nicht umsonst sitzen sie ja gemeinsam im „Sprechzimmer“. Das Anamnesegespräch gehört einfach zum wichtigsten Handwerkszeug des Arztes. Er kann damit nicht nur oft schon die richtige Diagnose stellen und gefährliche Verläufe ausschließen, die weiter untersucht werden müssten. Er gewinnt auch das Vertrauen seines Patienten, wenn er sich ihm zuwendet, ihn gut aufklärt und mitentscheiden lässt. Das trägt zum Heilungserfolg bei und sorgt dafür, dass so mancher Apparat ausgeschaltet und so manches Rezept ungeschrieben bleiben kann, ohne dass der Patient sich schlecht versorgt fühlt. Leider ist die Realität heute aber oft eine andere. Denn die Krankenkassen zahlen kaum etwas für ein ausführliches Gespräch, erst wenn Technik ins Spiel kommt, verdient der Arzt sein Geld. Da müsste sich also auch etwas ändern.

Und was sollten die Patienten tun?
Nicht mit jedem Schnupfen oder Zwicken im Kreuz gleich zum Arzt rennen und erwarten, dass der etwas dagegen unternimmt. Besser ist es, erst einmal ruhig zu bleiben und zu überlegen, ob der Besuch in der Praxis unbedingt nötig ist. Unser Körper verfügt über ein Alarmsystem. Wenn etwas wirklich ernst ist, merken wir das meistens auch und wissen dann, dass wir ärztliche Hilfe brauchen. Und wir sollten nicht vergessen, dass die Natur uns mit hochwirksamen Schutz- und Reparaturmechanismen ausgestattet hat, die manchen Schaden von uns fernhalten oder selbst wieder richten können, ohne dass von außen nachgeholfen werden muss. Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass wir Europäer die meiste Zeit unseres Lebens in guter Gesundheit verbringen. Sogar bis in ihre Siebziger sind viele Menschen noch fit.

Wer das im Hinterkopf hat, kann gelassener bleiben und die eine oder andere Erkältung einfach mal zu Hause auskurieren. Eine Gelassenheit, die auch mein Mann und ich erst lernen mussten.

14.08.2017 14:09:00, Autor: Arnd Petry / durchblick-gesundheit Juli-August 2017