Aktuelle Statistik

Mehr Ärzte, aber noch viel mehr Behandlungsbedarf

Der Anteil der Frauen unter den Ärzten in Deutschland wird immer größer. 2016 lag er bei 46,5 Prozent.
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Die Zahl der Ärzte in Deutschland ist leicht gestiegen. Doch wer denkt, dass damit die medizinische Versorgung hierzulande auf stabilen Füßen steht, sollte vorsichtig sein. Denn die deutsche Gesellschaft wird immer älter. Und der Behandlungsbedarf steigt. Die ärztlichen Kapazitäten können somit schnell an ihre Grenzen kommen.    


2016 erhöhte sich die Zahl der in Deutschland tätigen Ärzte geringfügig um 2,1 Prozent. Das zeigt die aktuelle Statistik der Bundesärztekammer (BÄK). Sie umfasst alle Ärzte, die bei den Landesärztekammern gemeldet sind. Im vergangenen Jahr arbeiteten hierzulande bundesweit 378.607 Ärzte und damit 7.305 mehr als im Vorjahr. Von ihnen waren 194.401 im Krankenhaus tätig und 151.989 im ambulanten Bereich, also in einer Arztpraxis oder in einem Medizinischen Versorgungszentrum. 32.217 Ärzte waren bei Behörden, Körperschaften und in sonstigen Bereichen beschäftigt. Ihr Anteil an der Gesamt-Ärztezahl blieb im Vergleich zum Vorjahr mit 8,5 Prozent unverändert.

In Deutschland gibt es immer mehr Ärzte – oberflächlich betrachtet mag das eine erfreuliche Entwicklung sein. Doch wer genauer hinsieht, könnte schnell ernüchtert werden. „Wer nur die leicht steigenden Arztzahlen betrachtet, verschließt die Augen vor der ganzen Wahrheit“, kommentiert der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Frank Ulrich Montgomery, die aktuelle Statistik. Tatsächlich sei es nämlich so, dass sich „die Schere zwischen Behandlungsbedarf und Behandlungskapazitäten immer weiter“ öffne. Schon heute gebe es bei der ärztlichen Versorgung in vielen Regionen große Lücken.

Der leicht gestiegenen Anzahl an Ärzten steht also eine enorm gewachsene Menge an Behandlungsfällen in Praxen und Kliniken gegenüber. Allein in Deutschlands Arztpraxen, also in der ambulanten Versorgung, kommt es laut Bundesärztekammer jährlich zu mehr als einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten. In den Krankenhäusern hat sich die Zahl der Behandlungsfälle in den letzten zehn Jahren um mehr als 2,5 Millionen auf fast 19,8 Millionen erhöht. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, denn die Bevölkerung in Deutschland wird immer älter und demzufolge auch immer behandlungsbedürftiger.

Und mit der Gesellschaft altert auch die Ärzteschaft. „Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben“, gibt BÄK-Präsident Montgomery zu bedenken. Die Zahl der jungen Ärzte ist laut Bundesärztekammer zwar leicht gestiegen; so gab es im vergangenen Jahr in der Gruppe der unter 35-jährigen berufstätigen Ärzte 2.334 mehr als noch 2015. In den höheren Altersgruppen gab es aber ebenso Zuwächse: Die Zahl der 50- bis 59-jährigen praktizierenden Ärzte nahm der Statistik zufolge um 1.600 zu, bei den 60- bis 65-Jährigen gab es 1.172 mehr und bei den über 65-Jährigen stieg die Zahl um 2.463.

Frauenanteil wird immer größer
Weiter zeigen die Zahlen der Bundesärztekammer, dass es unter den berufstätigen Ärzten in Deutschland Jahr für Jahr mehr Frauen gibt. Der Anteil der Ärztinnen an der Gesamtzahl lag im vergangenen Jahr bei 46,5 Prozent. 1991 hatte der Frauenanteil nur knapp ein Drittel betragen. Er hat sich seitdem also um 38,4 Prozent erhöht. Dass der Arztberuf immer weiblicher wird, kann sich ebenfalls einschränkend auf die Behandlungskapazität auswirken. Nicht etwa, weil Ärztinnen weniger engagiert arbeiten würden als ihre männlichen Kollegen. Sie arbeiten nur häufiger in Teilzeit, um Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren zu können.  

Was die Statistik der Bundesärztekammer noch zeigt: Immer weniger Ärzte entscheiden sich für die Gründung einer eigenen Praxis. Stattdessen bevorzugen immer mehr ambulant tätige Ärzte ein Angestelltenverhältnis. Im Jahr 2016 betrug der Zuwachs hier den Zahlen zufolge 10,1 Prozent. Die Gesamtzahl der im ambulanten Bereich angestellten Ärzte erhöhte sich auf 32.348 (2015: 29.373). Damit hat sich ihre Zahl in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Die Zahl der Ärzte mit eigener Praxis dagegen sank 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 Prozent auf 119.641.

Zuwanderung ein Mittel gegen den Ärztemangel?
Die Bundesärztekammer gibt in ihrer Statistik auch Auskunft darüber, wie viele Ärzte aus dem Ausland in Deutschland gemeldet sind. Ihre Zahl stieg von 37.878 im Jahr 2015 auf 41.658 im Jahr 2016. Den 3.780 Ärzten, die 2016 aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind, um hier zu arbeiten, stehen laut BÄK-Statistik 2.050 Kollegen gegenüber, die Deutschland im vergangenen Jahr den Rücken gekehrt haben.

Die Zuwanderung von ausländischen Ärzten könne den hierzulande herrschenden Ärztemangel ein wenig entschärfen, heißt es von Seiten der Bundesärztekammer. Diese Annahme ist jedoch mit Vorsicht zu genießen. Denn schaut man sich die Statistik der ausländischen Ärzte genauer an, so fällt auf, dass mit 33.542 der Großteil von ihnen im Krankenhaus arbeitet und mit 4.708 nur relativ wenige ambulant tätig sind. Doch es ist gerade der ambulante Bereich, in dem in Deutschland besonders viele Ärzte fehlen. Daher ist es eine Milchmädchenrechnung anzunehmen, die Zuwanderung an ausländischen Medizinern könnte etwas Nennenswertes gegen den Ärztemangel in Deutschland ausrichten.


17.11.2017 09:18:09, Autor: Sarah Knoop / durchblick-gesundheit Juli-August 2017