Ärzte gegen Homöopathie-Erstattung

Keine Versichertengelder für Kügelchen und Tinkturen

Wer auf die Heilkunst der Homöopathie setzen will, soll das gern machen – aber nicht auf Kosten der Beitragszahler, meinen die Ärzte.
© Sonja Birkelbach
Trotz meist fehlender wissenschaftlicher Belege für die Wirksamkeit: Die Homöopathie erfreut sich in der Bevölkerung nach wie vor großer Beliebtheit – aktuell übernehmen zwei von drei gesetzlichen Kassen sogar die Kosten für homöopathische Behandlungen. Letzteres bringt viele Ärzte auf die Palme. Es sei völlig unverständlich, weshalb in der Grundversorgung gefährlich oft der Rotstift angesetzt werde – die Kassen aber gleichzeitig Versichertengelder für Tinkturen und Kügelchen verschleuderten.


Neben der klassischen Schulmedizin haben alternative Heilmethoden eine inzwischen nicht ganz unerhebliche Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht: Fast 60 Prozent der Deutschen haben laut einer Studie aus dem Jahr 2014 schon einmal Globuli geschluckt. Der Apothekenumsatz mit Homöopathika hat 2016 um 4,5 Prozent auf knapp 722 Millionen Euro zugelegt. Neben den zum Teil hohen Zufriedenheitswerten der Nutzer stehen auch noch die Aussagen diverser Homöopathenverbände: Zwar sei das Wirkprinzip der Homöopathie immer noch nicht erschlossen – es sei aber inzwischen nachgewiesen, dass sie wirke.

Also alles gut? Nicht ganz: Noch immer fehlen harte wissenschaftliche Beweise dafür, dass die extrem stark verdünnten Wirkstoffe in den Globuli überhaupt einen Effekt haben. Zwar gibt es einige Studien, die den positiven Effekt der Homöopathie aufzeigen wollen. In wissenschaftlichen Kreisen wird aber oft kritisiert, dass in diesen Arbeiten die üblichen Maßstäbe und Richtlinien klinischer Studien nicht eingehalten würden. Vernichtend schließlich die jüngste Übersichtsstudie im Auftrag der australischen Gesundheitsbehörde NHMRC.

Sie kam 2015 – nach der Auswertung von mehr als 1.800 Homöopathie-Studien – zu dem Ergebnis, dass bei keinem denkbaren Leiden ein homöopathisches Mittel zur Therapie empfohlen werden könne. Wer zugunsten der Homöopathie auf klassische Mittel verzichte, bringe sich sogar in Gefahr.

Die Krankenkassen in Deutschland scheint das nicht sehr zu beeindrucken: Sie greifen im Kampf um neue Mitglieder gern auf Zusatzangebote aus dem Bereich der alternativen Heilkunde zurück. Nach Branchenangaben übernehmen fast 80 Krankenkassen – darunter auch große Ersatzkassen wie die Techniker und die Barmer – einen Teil der Kosten bei „besonderen Therapierichtungen“. Laut Gesetz werden solche Zusatzangebote als freiwillige „Satzungsleistungen“ bezeichnet.

Die Ausgaben der Kassen für solche freiwilligen Leistungen haben sich dabei in den vergangenen vier Jahren fast verdoppelt. Dies geht aus Daten des Bundesgesundheitsministeriums hervor, die von der Gesundheitspolitikerin Birgit Wöllert (Die Linke) kürzlich angefordert und veröffentlicht wurden. Demnach gaben die Krankenkassen 2016 für die sogenannten Satzungsleistungen 1,5 Milliarden Euro aus – mehr als zum Beispiel für alle Schutzimpfungen bei Kassenpatienten in Deutschland zusammen. Im Jahr 2012 waren es lediglich 780 Millionen Euro, also etwas mehr als die Hälfte. Zu den freiwilligen Leistungen gehören etwa Homöopathie, Gesundheitskurse wie Rückenschule und Pilates, Leistungen von Osteopathen sowie Schutzimpfungen für Auslandsreisen.

Wöllert kritisiert diese Entwicklung. Zur Mitgliederwerbung und Kundenbindung erhöhten die Kassen permanent die Ausgaben für Satzungsleistungen, warnte die Abgeordnete. „Viele dieser Leistungen sind medizinisch nicht notwendig und im Nutzen zweifelhaft“, fügte sie hinzu. Das Geld fehle dann für die Regelversorgung „an allen Ecken und Enden“.

Eben von diesem Problem kann Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), ein Lied singen: Der Ärztefunktionär muss jährlich mit den Krankenkassen auf Bundesebene um die Honorare der niedergelassenen Ärzte ringen. Die angespannte Honorarsituation in den Praxen wird als einer der Hauptgründe für den Ärztemangel auf dem Lande und die angespannte Versorgungssituation in vielen Städten gesehen: Der Nachwuchs will das Risiko einer Niederlassung bei den trüben wirtschaftlichen Aussichten kaum noch eingehen.

Dass die Krankenkassen gleichzeitig großzügig Versichertengelder für homöopathische Leistungen rausgeben, ärgert den Orthopäden aus Düsseldorf: „Es ist doch absurd und inakzeptabel, wie viel Geld so manche gesetzliche Krankenversicherung für Kügelchen und Tinkturen aus dem Fenster wirft“, moniert Gassen. Geradezu absurd sei es, dass man Ärzte zu immer mehr Qualitätsnachweisen dränge – beim Heilpraktiker an der Ecke aber überhaupt keine Transparenz zu finden sei. Nach 6-Monats-Kursen würden diese auf kranke Menschen losgelassen. „Die Ergebnisse sind nicht überraschend teils katastrophal. Wenn die Politik hier konsequent wäre, müsste sie den Kassen eigentlich verbieten, Homöopathie und Co. als Satzungsleistungen anzubieten“, so sein Fazit.

Während die Kassenärzte bei Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) mit der Forderung noch auf taube Ohren stoßen, scheint die Debatte in der SPD aufzuflackern. Der Landesverband Bremen der Sozialdemokraten forderte kürzlich ebenfalls ein Verbot der freiwilligen Bezahlung von homöopathischen Behandlungen. Außerdem müssten homöopathische Mittel als nicht nachgewiesen wirksam gekennzeichnet werden. Die SPD-Bundestagsfraktion wird in dem Antrag aufgefordert, eine gesetzliche Kennzeichnungspflicht für homöopathische Präparate einzuführen, aus der deutlich wird, dass für die Wirksamkeit von homöopathischen Präparaten keine eindeutigen wissenschaftlichen Nachweise vorliegen. Und weiter: „Die freiwillige Finanzierung von nicht wirksamen homöopathischen Leistungen durch die Krankenkassen (mit Beitragsgeldern) ist nicht weiter zuzulassen.“ Ob die Politiker dieses heiße Eisen im Vorfeld der Bundestagswahl noch anfassen, bleibt jedoch abzuwarten.

21.08.2017 19:20:44, Autor: Jan Scholz / durchblick-gesundheit Juli-August 2017