Parkinson

Früherkennung entscheidend, neue Therapieansätze in Sicht

Parkinson zu erkennen, ehe nicht mehr beeinflussbare Symptome eingetreten sind: Das sollen neue Ansätze zur Früherkennung sicherstellen, die auf den Nachweis von Alpha-Synuclein in der Haut oder dem Darm setzen. Neue Therapieansätze wie eine „Parkinson-Impfung“ könnten die Prognose der Betroffenen künftig vielleicht verbessern.

Nervenzellen: Bei einer Parkinson-Erkrankung lagert sich hier pathologisches Alpha-Synuclein ab.
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„Wir nähern uns dem großen Ziel, Parkinson in einem sehr frühen Stadium zu erkennen“, erklärte EAN-Präsident Professor Günther Deuschl vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel beim 3. Kongress der European Academy of Neurology (EAN) in Amsterdam. Die Diagnose der Parkinson-Erkrankung ist vor allem im Frühstadium (Prodromalphase) schwierig. Zwar wurden Beschwerden wie Schlafstörungen, Verschlechterung des Geruchssinnes, Depressionen oder Verdauungsstörungen als mögliche frühe Parkinson-Kennzeichen identifiziert, die Diagnose kann heute jedoch erst mit größerer Sicherheit gestellt werden, wenn die typischen Bewegungsstörungen – Zittern sowie langsame und steife Bewegungen – einsetzen. Diesen Symptomen geht jedoch ein jahrelanges Absterben der Nervenzellen voraus. Rund 80 Prozent der dopaminergen Nervenendigungen und bis zu 50 Prozent der Nervenzellen in der Substantia nigra sind dann schon zerstört. Zu diesem Zeitpunkt ist keine Therapie mehr möglich, die den Krankheitsverlauf aufhalten könnte.

„Trotz 20 Jahren intensiver Forschung ist das Ziel noch nicht erreicht, Parkinson-Kandidaten möglichst früh vor dem Krankheitsausbruch zu identifizieren. Wir müssen die Frühdiagnostik groß schreiben und dafür neue Wege einschlagen“, so vor wenigen Monaten auch Professor Werner Poewe (Medizinische Universität Innsbruck) beim „Joint Congress of European Neurology“ in Istanbul. Poewe weiter: „Wenn sich bei Parkinson-Patienten durch Zittern oder Steifigkeit die typischen ersten motorischen Zeichen ihrer Erkrankung zeigen, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass die zugrunde liegenden pathologischen Prozesse bereits Jahre zuvor völlig unbemerkt eingesetzt und viel Schaden angerichtet haben. Dafür verdichten sich in der Forschung die Beweise.“ Krankheitsmodifizierende oder neuroprotektive Maßnahmen in einem Frühstadium hätten ein deutlich größeres Potenzial, das Voranschreiten der Krankheit zu verlangsamen, als Interventionen in einem späten Krankheitsstadium.

Weiterer großer Erfolg in der Früherkennung

Das Kennzeichen für die Parkinson Erkrankung ist eine Ablagerung von pathologischem Alpha-Synuclein in Zellen des Nervensystems. Verschiedene Forschungsgruppen haben gemeldet, dass mit Biopsien der Haut, der Unterkieferspeicheldrüse oder Darmbiopsien Alpha-Synuclein in einem sehr frühen Krankheitsstadium nachgewiesen werden kann. Ein weiterer großer Erfolg in der Früherkennung wurde kürzlich berichtet: Mithilfe eines Hauttests wurde pathologisches Alpha-Synuclein bei Menschen mit REM-Schlafverhaltensstörungen nachgewiesen, die bei 85 Prozent der Betroffenen einer Parkinson-Erkrankung vorausgehen. Für die Hautbiopsie muss eine nur fünf Millimeter große Probe entnommen werden. Lassen sich in den feinen Nervenenden der Haut pathologische Ablagerungen des Proteins Alpha-Synuclein nachweisen, deutet das auf die Entstehung der Krankheit hin.

Schon länger bekannt ist, dass ein Großteil der Personen, die an REM-Schlafverhaltensstörungen mit aggressiven Träumen und heftigen Bewegungen im Schlaf leiden, innerhalb von 15 bis 20 Jahren an Parkinson erkranken. Die Studie konnte nun den Biomarker Alpha-Synuclein in der Haut dieser Risiko-Patienten identifizieren. Alpha-Synuclein kommt zwar auch bei Gesunden vor, bei Parkinson-Patienten jedoch in pathologischer Zusammenlagerung. Das führt zu einer Störung des Zellstoffwechsels und letztendlich zum Untergang von Nervenzellen. „Unsere Studie liefert Evidenz dafür, dass phosphoryliertes Alpha-Synuclein schon in dermalen Nervenfasern von Patienten vorhanden ist, die an REM-Schlafstörung leiden. Die Ablagerungen können bei diesen Patienten als periphere histopathologische Marker für eine Alpha-Synculeinopathie genutzt werden, die vor dem Einsetzen von motorischen Symptomen bei Morbus Parkinson auftritt“, schrieb Erstautorin Kathrin Doppler.

„Die Methode hat großes Potenzial, Patienten für Studien zur Parkinson-Prävention zu identifizieren und für klinische Studien zum Test von krankheitsmodifizierenden Medikamenten zu gewinnen“, so Deuschl. Künftig soll mit diesem diagnostischen Marker auch bei Personen, die nicht von der REM-Schlafstörung betroffen sind, Parkinson in der Frühphase erkannt werden können.

Nicht die einzige Methode, die derzeit intensiv erforscht wird

Das ist allerdings nicht die einzige Früherkennungsmethode, die derzeit intensiv erforscht wird: Pathologische Alpha-Synuclein lagert sich auch im enteralen Nervensystem an, das aus dem Plexus myentericus zwischen den Muskelschichten der Darmwand und dem Plexus submucosus besteht. Die Protein-Ansammlungen können hier aber nicht ohne Weiteres als Diagnosekriterium für Parkinson angesehen werden, da sie auch bei gesunden Menschen auftreten. „Zeigen jedoch die Ansammlungen bestimmte Muster, können wir mit einer verfeinerten morphometrischen Analyse Parkinson-Patienten von gesunden Personen unterscheiden. Es sind allerdings weitere Studien nötig, um zu beweisen, dass auch mittels gastrointestinaler Biopsie Parkinson diagnostizierbar ist“, sagte Deuschl. Eine spanische Studie konnte zudem belegen, dass Alpha-Synuclein-Ablagerung bei Patienten mit REM-Schlafstörungen und somit mit frühen Anzeichen für Parkinson mittels Nadelbiopsie auch in der Unterkieferspeicheldrüse nachweisbar ist.

Neue therapeutische Ansätze setzen darauf, die Krankheit schon in den frühesten Anfängen zu behandeln und das Absterben der Nervenzellen im Gehirn aufzuhalten. In den letzten Jahren verstehen die Expertinnen und Experten immer besser, wie Parkinson entsteht und wie sich die Krankheit ausbreitet. „Wir wissen heute, dass an Parkinson erkrankte Nervenzellen, ähnlich wie Prionen-Erkrankungen, andere Nervenzellen ‚anstecken‘ können. Dadurch verbreitet sich die Krankheit nach und nach im gesamten Nervensystem“, sagte der Kieler Neurologe. Aus dieser Erkenntnis heraus werden neue Therapie-Ansätze entwickelt. Studien verfolgen das Ziel, einen „Impfstoff“ gegen Parkinson zu entwickeln, und setzen dabei auf zwei unterschiedliche Strategien: Entweder soll das Immunsystem dazu angeregt werden, Antikörper gegen Alpha-Synuclein zu bilden, oder es werden künstliche Antikörper verabreicht. Ein weiterer neuer Therapieansatz setzt darauf, vermehrt Eisen zu binden. Denn zur Entwicklung von Parkinson trägt auch oxidativer Stress in den Zellen bei. Dieser wird durch zu viel Eisen in bestimmten Gehirnregionen verursacht, das den Zelluntergang beschleunigt.

Einen wichtigen Fortschritt bei der Früherkennung von Parkinson stellt die Neudefinition von Diagnose-Kriterien für die prodromale Phase dar, in der die klassische Diagnose auf Basis motorischer Symptome noch nicht möglich ist. Dazu wurde von der „Movement Disorder Society“ aufgrund von klinischen Untersuchungen und statistischen Untersuchungen ein Kriterienkatalog erstellt, der die klinische Forschung standardisieren und die Diagnostik in der sehr frühen Phase unterstützen soll. „Das neue System der Parkinson-Risikobewertung umfasst das Alter des Patienten, Umwelt-Risiken wie das Rauchen oder den Koffeinkonsum, genetische Faktoren, die Ergebnisse von Biomarker-Tests oder prodromale Symptome wie Verstopfung und Geruchsstörung. Dieses System kann jederzeit erweitert werden, wenn neue Tests zur Früherkennung – wie etwa die Hautbiopsie – dazukommen“, so Deuschl.


27.06.2017 08:58:01, Autor: Dr. med. Thomas Kron