Schlaganfälle bei jungen Menschen tatsächlich oder nur scheinbar häufiger?

Schlaganfälle betreffen angeblich immer häufiger junge Menschen. Dieser Trend gehe mit einer Zunahme der Prävalenz der Risikofaktoren eines ischämischen Schlaganfalls einher, berichten US-Autoren einer retrospektiven Auswertung nationaler Daten; die Ergebnisse sind nun in der Print-Ausgabe des Fachmagazin „JAMA Neurology“ erschienen.

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Die Resultate der Auswertung von Dr. Mary George (Centers for Disease Control and Prevention in Atlanta) und ihren Kollegen bestätigen, wie bereits berichtet, frühere epidemiologische Studien; sie seien aber kein ausreichender Beweis dafür, dass Schlaganfälle bei jungen Menschen tatsächlich häufiger geworden seien, heißt es dazu in einem Begleit-Kommentar.

Die Autoren um Mary George haben Daten von 18 bis 64 Jahre alten Patienten ausgewertet, die in den Jahren 1995 bis 2012 wegen eines ischämischen Schlaganfalles in ein US-Krankenhaus aufgenommen wurden. Zudem haben sie die Prävalenz der Schlaganfall-Risikofaktoren in den Jahren 2003 bis 2012 ermittelt.

Die Berechnungen ergaben eine Zunahme der Klinik-Aufnahmen von insgesamt 141 474 im Zeitraum 2003/2004 auf 171 386 (2011/2012). Bei jungen Männern im Alter von 18 bis 34 Jahren habe sich zwischen 1995/1996 und 2011/2012 die Inzidenz der Klinik-Aufnahmen fast verdoppelt, ebenso bei Männern im Alter von 35 bis 44. Darüber hinaus ergab die Studie eine Zunahme der Prävalenz der Risikofaktoren eines ischämischen Schlaganfalls (zwischen 2003 und 2012)

• Hypertonie: vier bis elf Prozent

• Fettstoffwechsel-Störungen: 12 bis 21 Prozent

• Diabetes mellitus: vier bis sieben Prozent

• Adipositas: vier bis neun Prozent

• Nikotin-Abusus: 5 bis 16 Prozent.

Gestiegen ist zwischen 2003 und 2012 auch die Häufigkeit der Patienten mit drei bis fünf Risikofaktoren.

Hier die Zahlen für die Männer:

• 18 bis 34 Jahre: von neun auf 16 Prozent

• 35 bis 44 Jahre: von 19 auf 35 Prozent

• 45 bis 54 Jahre: von 24 auf 44 Prozent

• 55 bis 64 Jahre alte Männer: von 26 auf 46 Prozent.

Hier die Zahlen für die Frauen:

• 18 bis 34 Jahre: von sechs auf 13 Prozent

• 35 bis 44 Jahre: von 15 auf 32 Prozent

• 45 bis 54 Jahre: von 25 auf 44 Prozent.

•  55 bis 64 Jahre alte Frauen: von 27 auf 48 Prozent.

Auf diese Entwicklung haben vor wenigen Jahren auch schon die Autoren der „Global Burden of Disease Study 2010“ aufmerksam gemacht. Die Zahl der Schlaganfälle bei Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahre sei zwischen 1990 und 2010 um 25 Prozent gestiegen, der Anteil der jungen Menschen mit Schlaganfall an der Gesamt-Gruppe der Patienten mit einem zerebralen Insult habe von 25 Prozent vor dem Jahr 1990 auf inzwischen 31 Prozent zugnommen („The Lancet Global Health“).

Die aktuelle Auswertung von Mary George sei jedoch kein Beweis für einen realen Anstieg der Schlaganfall-Häufigkeit bei jungen Menschen, betonen die kommentierenden US-Neurologen

Dr. James F. Burke und Dr. Lesli E. Skolarus von der Universität von Michigan in Ann Arbor. Es könne so sein, aber sicher sei dies keineswegs, so Burke und Skolarus. Möglicherweise sei die ermittelte Zunahme eine Folge der in den letzten Jahren geänderten Klassifikation von transischämischen Attacken und ischämischen Schlaganfällen. Außerdem sei die bildgebende Diagnostik - Stichwort MRT - besser geworden. Ungesichert sei auch die Zunahme von vaskulären Risikofaktoren, schreiben die US-Neurologen. Vielleicht werde inzwischen nur genauer kodiert.

19.06.2017 09:10:25, Autor: Dr. med. Thomas Kron