Hepatitis E

Mehr Krankheitsfälle ohne Reise-Anamnese

Die Hepatitis E ist mehr als nur eine seltene Reisekrankheit. Daran erinnert der Hepatologe Professor Heiner Wedemeyer (Medizinische Hochschule Hannover) in einem aktuellen Beitrag in der „DMW“. Infektionen mit dem Hepatitis-E-Virus sind ein weltweites Problem.

In Deutschland infizieren sich jedes Jahr wahrscheinlich mehr als 300.000 Menschen mit dem Hepatitis-E-Virus.
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Die Infektion mit dem Hepatitis-E-Virus (HEV) ist nach Angaben des RKI die „weltweit häufigste Ursache akuter viraler Hepatitiden“. Auch Deutschland ist davon nicht ausgenommen. Hier infizieren sich laut Wedemeyer jedes Jahr wahrscheinlich mehr als 300.000 Menschen mit dem Hepatitis-E-Virus. In Europa, auch in Deutschland, sowie in Amerika überwiegt der HEV-Genotyp 3. Bislang habe die Infektion mit HEV in Deutschland als reiseassoziierte Krankheit gegolten.

Doch die in den letzten Jahren in Deutschland beobachtete stetige Zunahme der gemeldeten HEV-Fälle sei jedoch überwiegend auf autochthone Infektionen ohne Reiseanamnese zurückzuführen, so das Robert-Koch-Institut. Nach Angaben des Instituts ist die Zahl der in Deutschland gemeldeten HEV-Fälle in den vergangenen Jahren gestiegen; von 2004 (53 Fälle) bis 2013 (495 Fälle) habe sie sich fast verneunfacht. Von 2013 bis 2015 habe sich die Zahl dann beinahe verdreifacht, wie aus einer Antwort der Bayerischen Staatsregierungmauf einen Antrag der SPD-Abgeordneten Florian von Brunn und Kathrin Sonnenholzner hervorgeht. Eine mögliche Ursache des Anstiegs sei, so das RKI, eine gestiegene Aufmerksamkeit der Ärzteschaft; eine Rolle spielt auch die Schweinemast. Hygienemängel in der Schweinemast sind laut dem Berliner Institut ein großes HEV-Risiko.

Das HE-Virus wird mit dem Stuhl ausgeschieden und über verunreinigtes Wasser übertragen. In Europa und anderen westlichen Industriestaaten sei „die Übertragung vom Tier (zum Beispiel Wild- und Hausschwein) über tierische Lebensmittel auf Menschen der sehr wahrscheinlich wichtigste Infektionsweg“, so das RKI. In Deutschland stelle der Verzehr von nicht ausreichend erhitztem Schweinefleisch eine wesentliche Infektionsquelle dar, schreibt Wedemeyer. Milchprodukte in Deutschland scheinen hingegen „keine wesentliche Quelle für HEV-Infektionen darzustellen“.

Bislang eher selten beschriebene Möglichkeiten der Übertragung von HEV seien die parenterale Transmission über HEV-kontaminierte Blutprodukte sowie gemeinsam genutztes Spritzenbesteck bei i.v.-Drogengebrauchern, die perinatale Mutter-Kind-Übertragung (vor allem im 3. Trimenon) sowie der direkte Kontakt mit einem HEV-Infizierten.

Klinisch verläuft die HEV-Infektion meist asymptomatisch, möglich ist aber auch ein fulminantes Leberversagen. Die Inkubationszeit beträgt bis zu 60 Tage; die Häufigkeit fulminanter Verläufe einer akuten Hepatitis E liegt bei 0,5 bis 4 Prozent. Extrahepatische Manifestationen könnten während und nach einer HEV-Infektion auftreten, berichtet Wedemeyer. Insbesondere Guillain-Barré-Syndrome und die neuralgische Schulteramyotrophie seien mit einer Hepatitis E assoziiert worden.

Seit etwa 2008 werden nach RKI-Angaben „in Industrieländern auch vermehrt chronische HEV-Infektionen beobachtet, zumeist bei immunsupprimierten Patienten nach Organtransplantation und bei HIV-infizierten Personen“. Die chronische Hepatitis E (definiert durch eine Virämie von mind. drei Monaten) kann laut Wedemeyer innerhalb von Monaten zu einer fortgeschrittenen Leberfibrose oder zur Zirrhose führen. Gefährdet sind außer immunsupprimierten Patienten vor allem „Patienten mit bereits bestehender chronischer Lebererkrankung aufgrund anderer Ursachen, z. B. Patienten mit einer nicht-Alkohol-bedingten Fettleberhepatitis“. Hier könne sich im Falle einer akuten HEV-Superinfektion das Bild eines „akut-auf-chronischen Leberversagens“ entwickeln, schreibt der Hepatologe. Detaillierte Untersuchungen, welche Faktoren mit einer Fibroseprogression bei einer chronischen Hepatitis E assoziiert seien, gebe es allerdings noch nicht. Nach durchgemachter Hepatitis E besteht laut Wedemeyer kein kompletter Immunschutz. Re-Infektionen sind demnach möglich.

Der Hepatologe empfiehlt, bei allen Personen, bei denen die Aminotransferasen ALT und AST ohne andere ausreichende Erklärung erhöht sind, auf Hepatitis E untersucht werden. Bei Immunkompetenten sei eine Testung mit anti-HEV-IgM ausreichend. Immunsupprimierte müssten in jedem Fall direkt auf HEV-RNA untersucht werden (PCR im Blut oder Stuhl). Der Grund: Serologische Tests können bei ihnenr falsch-negativ sein. Eine Autoimmunhepatitis könne ohne Ausschluss einer Hepatitis E nicht sicher diagnostiziert werden.

Bei Immunkompetenten kann die Diagnose einer akuten Hepatitis E mit dem Nachweis von anti-HEV-IgM ge- stellt werden. Serologische Tests können bei Immunsupprimierten aber falsch-negativ sein, weshalb in diesen Fällen eine HEV-Infektion nur durch den direkten Nachweis des Erregers mittels PCR im Blut oder Stuhl erfolgen sollte.

Behandelt werden kann mit Ribavirin. Bei chronischer Hepatitis E sollte die Behandlung für drei bis sechs Monate durchgeführt werden, rät Wedemeyer. Therapieversagen und Rückfälle nach Beendigung einer Therapie seien möglich. Ein Impfstoff („Hecolin“) wurde 2012 in China zugelassen (Hersteller lnnovax Biotech).

Er enthält einen Teil des Capsidproteins des HEV-Genotyp 1. Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs wurden in Studie mit über 100 000 Probanden in einem Endemiegebiet für die Genotypen 1 und 4 getestet. ln Europa ist dieser Impfstoff nicht verfügbar und nicht zugelassen. Es ist nicht bekannt, ob bzw. ab wann er erhältlich sein wird. Unbekannt ist, ob er gegen den Genotyp 3 wirksam ist. Derzeit befindet sich auch kein anderer Impfstoff in einem fortgeschrittenen Phase-3-Studienprogramm. Aktuell wird in Studien allerdings untersucht, ob das gegen HCV gerichtete Sofosbuvir bei Patienten mit HEV, die nicht ausreichend auf Ribavirin ansprechen, wirksam ist.

12.06.2017 09:24:32, Autor: Dr. med. Thomas Kron