Nächtliche Muskelkrämpfe

Erneut kein Beleg für Nutzen von Magnesium

Magnesium-Supplemente beugen entgegen der immer noch weit verbreiteten Annahme nächtlichen Muskelkrämpfen nicht vor. Dies bestätigt nun auch eine placebo-kontrollierte Studie israelischer Kollegen („JAMA Internal Medicine“).

Zwar kann ein Magnesiummangel die Muskelspannung negativ beeinflussen und die Einnahme in diesen Fällen eine Entspannung bewirken. Ein Einfluss auf Muskelkrämpfe ist jedoch nicht belegt.
© Rio Patuca Images/Fotolia.com

An der Studie nahmen 94 Männer und Frauen teil; das Durchschnittsalter betrug 65 Jahre. 48 Probanden erhielten täglich eine Kapsel mit Magnesiumoxid, 46 ein Placebo. Die Therapie-Phase betrug vier Wochen. Beurteilt wurde die Änderung der Häufigkeit nächtlicher Muskelkrämpfe pro Woche. Bei dem Magnesium-Präparat handelte es sich um Magnox 520® (Magnesiumoxid & Magnesiumoxid-Monohydrat 865mg, 520 mg freies Mg ++). In beiden Gruppen nahm die Zahl der Muskelkrämpfe pro Woche zwar ab (3,41 in der Verum-Gruppe versus 3,03 in der Placebo-Gruppe). Der Unterschied war nach Angaben der Autoren allerdings nicht signifikant. Keine Unterschiede den beiden Vergleichs-Gruppen gab es außerdem bei der Stärke und der Dauer der Muskelkrämpfe sowie der Schlaf-Qualität.

Dass Magnesium Muskelkrämpfen vorbeuge, sei zwar eine weit verbreitete Annahme, gehöre allerdings ins Reich der Mythen, so der Physiotherapeut André Wolter in einem kürzlich erschienenen Beitrag .

Zwar könne ein Magnesiummangel die Muskelspannung negativ beeinflussen und die Einnahme in diesen Fällen eine Entspannung bewirken. Ein Einfluss auf Muskelkrämpfe sei jedoch nicht nachgewiesen. Denn hier liege die Ursache nicht im Muskel selbst, sondern in der Alpha-Motoneuronen-Aktivität. Bei einem Krampf senden Nervenzellen nicht mehr nur elektrische Impulse, wenn das Gehirn den Befehl dazu gibt. Vielmehr geben sie unkontrolliert Signale zur Kontraktion an den Muskel weiter, so dass dieser schließlich verkrampft. „Bisher konnte keine Studie einen positiven Effekt von Magnesium nachweisen“, sagt Wolter. Dennoch halte sich der Tipp hartnäckig. Lediglich bei der Behandlung von Schwangeren mit nächtlichen Krämpfen habe es einen schwachen Effekt.

Leicht übersehen werde, dass man das Spurenelement auch überdosieren kann. Erste Anzeichen für eine Überdosierung wären Müdigkeit, Blutdruckabfall und Durchfall, gegebenenfalls im Wechsel mit Verstopfung, berichtet Wolter. Chinin senke hingegen zwar nachweislich die Zahl, Dauer und Intensität von Krämpfen. Eine Überdosierung könne jedoch lebensbedrohlich sein. Daher ist Chinin in Deutschland seit fast zwei Jahren verschreibungspflichtig und wird nur zurückhaltend verordnet. Als Bitterstoff in der Limonade „Bitter Lemon“ hat es aufgrund der niedrigen Dosierung weder positive noch negative Auswirkungen.

Erst im März haben BfArM und PEI, wie berichtet, in ihrem „Bulletin zur Arzneimittelsicherheit“ auf die Risiken und den Stellenwert der Chinin-Therapie bei nächtlichen Wadenkrämpfen hingewiesen. Darin betonen sie erneut die Notwendigkeit, das bei dieser Indikation verwendete Chinin-Präparat (Handelsname Limptar N) unter Verschreibungspflicht zu stellen. Die Wirksamkeit von Chinin in der Indikation „Prophylaxe und Behandlung nächtlicher Wadenkrämpfe“ gilt nach Angaben der beiden Behörden „als belegt, allerdings ist der therapeutische Effekt im Vergleich zu Placebo allenfalls als moderat einzustufen“. Vor Anwendung von Chinin sind nach Angaben der Behörden „behandelbare Grunderkrankungen als Ursache der Wadenkrämpfe sowie eine Reihe von Kontraindikationen auszuschließen“. Das Präparat „sollte nur nach sorgfältiger Abwägung des individuellen Nutzen-Risiko-Verhältnisses und nur dann angewendet werden, wenn die folgenden Bedingungen in Kombination vorliegen:

• Ausschluss einer Grunderkrankung, sehr schmerzhafte oder häufige Muskelkrämpfe und regelmäßige Störung des Nachtschlafes durch die Muskelkrämpfe

• Wirkungslosigkeit physiotherapeutischer Maßnahmen (etwa Dehnungsübungen)

• Vorausgehender Behandlungsversuch mit Magnesium

• Folgt nach einer Magnesium-Therapie ein Behandlungsversuch mit Chinin, sollte die Behandlung innerhalb von vier Wochen beenden werden, wenn ein deutlicher Erfolg (Senkung von Frequenz und Stärke) ausbleibt.

06.06.2017 14:15:15, Autor: Dr. med. Thomas Kron