Hepatitis-C-Behandlung

Therapie zu Lasten der Krebsabwehr?

Virologen und Hepatologen rätseln derzeit darüber, warum einige Menschen mit chronischer Hepatitis C nach erfolgreicher Behandlung mit den direkt wirkenden antiviralen Arzneimitteln (direct-acting antivirals, DAA) kurze Zeit später an Leberkrebs erkranken. Wissenschaftler aus Barcelona vermuten, dass die Heilung der Virusinfektion die körpereigene Krebsabwehr in der Leber schwächt („Seminars in Liver Disease“).


Hepatitis-C-Viren.
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Die Behandlung der Hepatitis C hat sich in den letzten Jahren verbessert: Neue direkt wirksame antivirale Wirkstoffe (DAA), die die Virusvermehrung in den Leberzellen blockieren, können die Infektion auch dann noch erfolgreich zurückdrängen, wenn die Leber bereits stark geschädigt ist. Auch Patienten, die bereits einmal Leberkrebs überwunden haben, können mit erfolgreich behandelt werden.

In einer im vergangenen Oktober publizierten Studie berichteten Maria Reig und Zoe Mariño vom „Hospital Clínic de Barcelona“, dass 21 von 77 Patienten, bei denen zunächst ein Leberkrebs erfolgreich behandelt worden war, nach einer späteren Ausheilung der Hepatitis C erneut an Leberkrebs erkrankten. Inzwischen sind 24 Patienten betroffen. Der hohe Anteil von mehr als 31 Prozent, die rasche Rückkehr der Krebserkrankung und vor allem ein äußerst aggressives Wachstum der Tumore alarmierte die beiden Forscherinnen. Sie diskutieren seither mit ihren Kollegen darüber, ob es einen Zusammenhang mit der Behandlung mit DAAs gibt. Diese Frage war zuletzt im April auf dem „International Liver Congress“ (ICL) der „European Association for the Study of the Liver“ in Amsterdam ein zentrales Thema. Die Studien-Lage ist nicht homogen. So ergab zum Bespiel eine in Amsterdam präsentierte Metaanalyse von 41 Studien mit fast 14.000 Patienten keine ausreichenden Belege für ein erhöhtes Leberkrebs-Risiko und für eine größere Rezidiv-Gefahr nach Behandlung mit DAA.

Andere Forscher stellten in Amsterdam Fallberichte vor, aufgrund derer sie zu einem ähnlichen Schluss wie Reig und Mariño kamen. Manche Wissenschaftler führen die Häufung von Krebserkrankungen allein darauf zurück, dass mit den neueren Mitteln zunehmend auch ältere Patienten mit bereits fortgeschrittener Leberzirrhose behandelt werden. Mit zunehmendem Alter und zunehmender Dauer der Infektion steige jedoch das Risiko auf eine Krebsentstehung. Dies allein könnte die Häufung und das rasche Krebswachstum erklären.

Reig und Mariño stellen eine weitere Vermutung auf: Die chronische Hepatitis habe zur Folge, dass sich vermehrt Abwehrzellen in der Leber aufhalten, darunter auch solche, die eine latente Krebserkrankung in Schach halten. Der schnelle Behandlungserfolg durch DAA und das Abklingen könne dazu führen, dass sich die Abwehrzellen zurückziehen und der Leberkrebs sich ungehemmt entwickeln kann.

In Deutschland wurden dem Robert Koch-Institut im Jahr 2015 fast 4900 Hepatitis-C-Erkrankungen gemeldet. Die Zahl der Betroffenen könnte jedoch wesentlich höher sein, denn viele Patienten merken zunächst nichts von der Infektion. Der Erfolg der Hepatitis C-Behandlung mit DAAs hat dazu geführt, dass möglichst viele Patienten, die vorher auf Grund der starken Nebenwirkungen von der Behandlung mit Interferon ausgenommen waren, mit diesen Wirkstoffen behandelt werden. Reig und Mariño hoffen, dass durch weitere Studien genauer definiert werden kann, für welche Patienten ein erhöhtes Krebsrisiko besteht.

30.05.2017 12:15:34, Autor: Dr. med. Thomas Kron