Übergewicht

Frauen von Folgen eines Diabetes mellitus stärker betroffen als Männer

Übergewicht und Diabetes sind bekannte Risikofaktoren für andere Krankheiten, etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Störungen des Fettstoffwechsels und auch Tumoren. Frauen seien dafür noch stärker gefährdet als Männer, sagt Prof. Petra-Maria Schumm-Draeger, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Gerade immer mehr junge Frauen im gebärfähigen Alter leiden zunehmend unter metabolischem Syndrom und Adipositas.
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Schumm-Draeger verweist auf aktuelle Studien zum Thema. Diese belegten, dass Diabetes mellitus bei Frauen mit einem vier- bis sechsfach erhöhten Risiko einhergeht, eine kardiovaskuläre Erkrankung zu entwickeln. Bei Männern steige das Risiko nur etwa auf das zwei- bis Dreifache, so die Ärztliche Direktorin des Zentrums Innere Medizin/Fünf Höfe in München in einer Mitteilung der Fachgesellschaft.

Auch der Fettstoffwechsel entwickelt sich bei Frauen oft ungünstiger als bei Männern: Bei Frauen lassen Diabetes und Übergewicht das ungünstige LDL-Cholesterin und die Triglyzeride eher in die Höhe schnellen, das günstige HDL-Cholesterin dagegen nimmt stärker ab. Letztlich liegt auch das Risiko, an einem Herzinfarkt oder anderen Herz-Kreislauf-Komplikationen zu sterben, bei Frauen mit Diabetes deutlich höher als bei Männern mit derselben Grunderkrankung.

Die Sterblichkeit nach Herzinfarkten gehe zwar kontinuierlich zurück, bei Frauen allerdings deutlich langsamer als bei Männern, meldete vor wenigen Tagen auch die Deutsche Gessellschaft für Kardiologie. so endeten Infarkte bei Männern in 20 Prozent der Fälle tödlich, bei Frauen in rund 28 Prozent. Und wie eine europaweite Analyse von Daten der WHO zeige, sei die altersadjustierte Sterblichkeit nach einer Koronaren Herzerkrankung in den letzten 25 Jahren bei Männern um durchschnittlich 49 Prozent, bei Frauen aber nur um 39 Prozent gesunken.

Mehrere Gründe denkbar

Die Gründe für diese Geschlechtsunterschiede konnten bislang nicht eindeutig geklärt werden. Warum Frauen stärker unter den Folgen eines Diabetes leiden als Männer, ist auch nach Aussage der Münchener Endokrinologin bislang unklar. „Als Erklärung kommen einerseits die weiblichen Hormone infrage. Auf der anderen Seite aber auch geschlechtsspezifische Ernährungs- und Verhaltensmuster“, sagt Schumm-Draeger. Für beide Erklärungsmodelle gebe es Hinweise aus Studien. Auch psychische Faktoren könnten eine Rolle spielen: So entwickeln Frauen mit Übergewicht häufiger eine Depression und sind anfälliger für Essstörungen. Gesichert ist auch, dass Frauen mit bereits bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen weniger konsequent mit Medikamenten behandelt werden als Männer. Auch das kann den weiteren Verlauf der Erkrankung negativ beeinflussen.

Mit Sorge erfüllt es Schumm-Draeger daher, dass die seit Jahren anhaltende Zunahme des metabolischen Syndroms und Adipositas gerade bei jungen Frauen im gebärfähigen Alter besonders stark ausgeprägt ist. In dieser Altersgruppe wären Aufklärung, Prävention und Behandlung besonders wichtig, denn Kinder übergewichtiger Mütter neigen später selbst dazu, Übergewicht und Stoffwechselstörungen zu entwickeln. Hier sieht die Endokrinologin auch die politisch Veranwortlichen in der Pflicht – „denn sonst geben wir das Problem weiter an die nächste Generation.“

„Im gynäkologischen Praxisalltag werden wir täglich mit dem zunehmenden Problem der Adipositas und ihren Begleit- und Folgeerkrankungen konfrontiert. Kenntnisse über mögliche Therapiestrategien und Empfehlungen für Patientinnen sind daher essenziell“, berichten auch die Hamburger Gynäkologinnen Dr. Katrin Schaudig und Dr. Anneliese Schwenkhagen sowie Professor Olaf Ortmann von der Universität Regensburg in einem Editorial zu einem aktuellen Themenheft zur Bedeutung der Adipositas in der Gynäkologie.

Einen großen Stellenwert in der Frauenheilkunde hat die Adipositas unter anderem für Krebserkrankungen. Zahlreiche klinische Studien belegten den Zusammenhang zwischen einem erhöhten BMI und der Entstehung eines Mammakarzinoms und auch anderer gynäkologischer Malignome (Endometrium-, Ovarial- sowie Zervixkarzinom, schreiben die Regensburger Autoren um Olaf Ortmann.Dass Fettleibigkeit mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergeht, belegt auch eine aktuelle Analyse von mehreren Metaanalysen. Nach dem im britischen Ärzteblatt publizierten „Review von Reviews“ gibt es für elf Krebsarten starke Belege für einen Zusammenhang mit Adipositas. Dabei handelt es sich nach Angaben der Autoren vor allem um Malignome des Verdauungstraktes und um hormon-abhängige Tumoren von Frauen. Vor diesem Hintergrund müsse immer wieder der hohe Stellenwert der Adipositas-Prävention in der gynäkologischen Praxis betont werden, schreiben daher Schaudig, Schwenkhagen sowie Ortmann in ihrem Vorwort.

Ist eine Patientin allerdings bereits stark übergewichtig oder adipös, stellt sich die Frage, ob außer mehr Bewegung und Umstellung der Ernährung auch eine medikamentöse Therapie hilfreich sein kann. Hierbei sei zu beachten, dass „Medikamente zur Gewichtsabnahme grundsätzlich nicht zulasten der GKV verordnet werden dürfen“, erinnert in einem weiteren Beitrag der Diabetologe Professor Andreas Hamann von den Hochtaunus-Kliniken in Bad Homburg.

Gewichtssenkende Potenz von Metformin ist begrenzt

Folglich dürften Metformin, SGLT2- Hemmer und GLP-1-Rezeptoragonisten nur an übergewichtige Patienten mit Typ-2-Diabetes zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden, wenn die Verordnung mit der inadäquaten diabetischen Stoffwechsellage begründet werden könne, nicht jedoch mit dem primären Ziel der Gewichtsreduktion, erläutert Hamann.

Besondere Beachtung verdiene dabei Metformin aufgrund seiner sehr häufigen und bisweilen auch ein wenig unkritischen Verordnung an Patientinnen mit PCOS, schreibt der Endokrinologe außerdem. Die gewichtssenkende Potenz von Metformin sei jedoch begrenzt. Außerdem: Hinsichtlich der entscheidenden Mechanismen für die Gewichtsabnahme gebe es keine wirklich überzeugenden Daten. Metformin erhöhe nicht den Energieverbrauch. Denkbar sei ein Effekt auf Appetit und Nahrungsaufnahme, was möglicherweise auch mit einer Verminderung der Insulinspiegel zu tun habe, aber auch die Wirkung über eine Veränderung der Darmflora.

Mittlerweile könne auch das Antidiabetikum Liraglutid für die primäre Indikation Adipositas eingesetzt werden, berichtet der Diabetologe zudem. Anders als beim Diabetes mellitus werde in der Adipositas-Therapie eine subkutan zu applizierende Tagesdosis von 3,0 mg angestrebt. Die Datenlage zum Einsatz von Liraglutid bei Adipositas sei jedoch noch limitiert. Im Gegensatz zu Metformin lägen für Liraglutid mit Ausnahme einzelner Fallberichte noch keine Erfahrungen zur Exposition in der Frühschwangerschaft vor. Daher sollte adipösen Frauen im fertilen Alter, denen das Medikament zur Unterstützung einer Gewichtsreduktion auf Selbstzahlerbasis verordnet werde, „bis auf weiteres unbedingt zu einer verlässlichen Kontrazeption geraten werden“.


02.05.2017 08:36:19, Autor: Dr. med. Thomas Kron