Buchkritik

Das Leben lesen

© Droemer Verlag
„Die geheime Sprache des Blutes wird uns in Zukunft helfen, das menschliche Leben zu kontrollieren“, sagt Ulrich Bahnsen in seinem Buch „Das Leben lesen. Was das Blut über unsere Zukunft verrät“ voraus. Mithilfe des medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts wird es den Superhirnen dieser Welt gelingen, die Gesetze der Biologie zu überwinden, prophezeit er. „Was bislang unvermeidbare und schicksalhafte Elemente unseres Lebens waren, werden wir nach und nach beherrschen lernen: Sein, Werden, das Leiden und den Tod.“

Zunächst liefert Bahnsen jedoch einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung. Dabei konzentriert er sich vor allem auf die Bereiche Krebsdiagnostik und vorgeburtliche Untersuchungen. Wortgewaltig und lebensnah schildert er, wie Wissenschaftler etwa einem Verfahren auf die Spur kamen, mit dessen Hilfe sich Trisomie 21 – der genetische Defekt, der das sogenannte Downsyndrom verursacht – mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits bei ungeborenen Kindern im Mutterleib erkennen lässt.

Seine Ausführungen spickt er mit ethischen Überlegungen: Kein Test ist hundertprozentig sicher – was bedeutet eine Fehldiagnose für die betroffenen Frauen? Ist es richtig, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil das Kind möglicherweise mit einem Handicap auf die Welt kommen würde? Darf der Mensch den Wert des Lebens auch mit größten gesundheitlichen Einschränkungen infrage stellen?

An Fragen spart Bahnsen wahrlich nicht. Auf manche gibt er Antworten, viele überlässt er jedoch dem Leser für den inneren Diskurs. Ob ethisch bedenklich oder nicht: Der Fortschritt lässt sich wohl nicht stoppen, lautet sein Zwischenfazit. Worauf das hinauslaufen könnte, eröffnet Bahnsen im letzten Kapitel. Forschern ist es demnach kürzlich gelungen, die Lebensuhr bei Mäusen zurückzudrehen, indem sie alten Nagern das Blut deutlich jüngerer Artgenossen spritzten. Ließe sich dieses vom Autor als „Draculaformel“ bezeichnete Phänomen auf den Menschen übertragen, könnte das der Jungbrunnen sein, nach dem die Menschheit schon seit Beginn der Zeit strebt, hofft er.

Tiefgreifende naturwissenschaftliche Kenntnisse setzt Bahnsen beim Leser nicht voraus. Wer bei der Lektüre vor allem auf ethische Denkansätze aus ist, dürfte keine Mühe haben, dem Buch zu folgen. Ein grundlegendes Verständnis für Genetik, Biologie und Medizin hilft jedoch, die beispielhaft angeführten Studien in den aktuellen wissenschaftlichen Kontext einzuordnen.

Ulrich Bahnsen:
Das Leben lesen. Was das Blut über unsere Zukunft verrät
Droemer Verlag, 19,99 Euro

04.04.2017 15:58:15, Autor: Christina Müller / durchblick-gesundheit April-Juni 2017