Neurodermitis bei Kindern

Rote Karte für den Juckreiz

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Wenn Kinder an Neurodermitis leiden, ist das nicht nur für die kleinen Patienten sehr belastend: Oft fällt es ihren Eltern schwer, im Dschungel aus Hausmitteln, Pflegeprodukten und rezeptfreien Medikamenten den Überblick zu behalten. Dr. Annice Heratizadeh, Funktionsoberärztin in der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover, klärt auf, wie Mütter und Väter ihren Kindern wirklich helfen können.


Das atopische Ekzem, im Volksmund Neurodermitis genannt, ist eine weit verbreitete chronische Erkrankung der Haut. Der meist schubhaft auftretende quälende Juckreiz mit Entzündung der Haut kann die Lebensqualität der Betroffenen stark beeinträchtigen. In etwa der Hälfte aller Fälle bricht die Krankheit bereits in den ersten sechs Lebensmonaten aus.

In Deutschland leiden Schätzungen zufolge etwa 10 bis 15 Prozent der Kinder an Neurodermitis. Zugrunde liegt eine gestörte Barrierefunktion der Haut, erklärt Hautärztin Dr. Annice Heratizadeh. „Diese ist einerseits auf genetische Faktoren zurückzuführen, andererseits auf äußere Einflüsse wie Klimabedingungen, Allergene, Tabakrauch und Infekte.“ Die Behandlung bei Neurodermitis umfasse grundsätzlich ein individuelles Therapieschema, wobei das Alter des Kindes, die Krankheitsschwere und die Lokalisation der Ekzeme zu berücksichtigen seien.

Um die Hautbarrierefunktion möglichst gut zu unterstützen, rät sie daher zu einer konsequenten Basistherapie, also einer Rückfettung der Haut mit Pflegeprodukten. Diese stärkt die Hautbarriere, informiert die Ärztin. „Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen mehr und mehr, dass dadurch wichtige therapeutische und auch gewisse präventive Effekte erreicht werden können.“

Die Auswahl der passenden Basisbehandlung orientiert sich laut Heratizadeh am aktuellen Hautzustand, dem Alter der Patienten sowie an der Tages- und Jahreszeit. „Werden diese Kriterien nicht berücksichtigt, kann es womöglich zu einer Verschlechterung der Neurodermitis und zu verstärktem Juckreiz kommen“, warnt sie. Im akut-entzündlichen Stadium und im Sommer empfiehlt sie Präparate mit einem vergleichsweise geringen Fettanteil, bei sehr trockener Haut, lange bestehender Entzündung sowie während der kalten Jahreszeit dagegen eher reichhaltige Pflegeprodukte. Um die Verträglichkeit zu prüfen, sollten Eltern das Präparat zunächst über drei Tage an einem kleinen, nicht erkrankten Hautareal testen, bevor sie das Kind täglich am gesamten Körper damit eincremen.

Hilfe für Familien

Die Arbeitsgemeinschaft Neurodermitisschulung bietet je nach Alter des Kindes für die Patienten oder deren Eltern Kurse an, in denen fachkundige Dozenten Wissenswertes zu Auslösern, Diagnostik und Behandlung der Krankheit vermitteln. Dabei nehmen sie auch die psychosozialen Belastungen für die betroffenen Kinder sowie deren Familien in den Blick. Nähere Informationen finden Interessierte unter www.neurodermitisschulung.de


Zudem sollten die Salben, Cremes und Lotionen keine Stoffe enthalten, die häufig Allergien auslösen. Dazu zählen etwa Duftstoffe, das Konservierungsmittel Methylis-othiazolinon, Wollwachsalkohole und Cetylstearylalkohole. Auch von Produkten, die Nahrungsmittelproteine, zum Beispiel aus Erdnuss, Kuhmilch, Weizen oder Soja, enthalten, rät Heratizadeh ab. „Hier besteht das Risiko, sich über die entzündete Haut auch gegen Lebensmittel zu sensibilisieren.“ Erst wenn ein Arzt eine Nahrungsmittelallergie festgestellt habe, sei in Abhängigkeit vom Nahrungsmittel und der Krankengeschichte über einen bestimmten Zeitraum eine individuelle Auslassdiät erforderlich. Um dabei weiterhin eine altersgerechte, ausgewogene Ernährung sicherzustellen, solle eine solche Diät stets von einer allergologisch fortgebildeten Ernährungsfachkraft begleitet werden, betont die Hautärztin.

Mithilfe der täglichen Basisbehandlung lässt sich der Hautzustand stabilisieren. Fett-feuchte Umschläge können die positive Wirkung der täglichen Pflege zusätzlich unterstützen. Dazu wird auf die betroffene Stelle eine gut verträgliche Salbe oder Creme aufgetragen, darüber ein mit handwarmem Leitungswasser angefeuchteter, noch warmer Verband gelegt und schließlich ein trockenes Tuch darumgewickelt. So können Fett und Feuchtigkeit tief in die Hautschichten eindringen. Gleichzeitig schützt der Umschlag die Haut vor äußeren Reizen. Alle drei Stunden sollte die untere Verbandlage mit handwarmem Leitungswasser angefeuchtet werden. Die Umschläge dürfen bis zu sechs Stunden einwirken. Achtung: Bei Säuglingen immer nur einzelne Gliedmaßen behandeln, um Auskühlung zu verhindern!

Umschläge mit schwarzem Tee eignen sich laut Heratizadeh vor allem bei nässenden, akut entzündeten Ekzemen. „Schwarzer Tee enthält natürliche Gerbstoffe, welche eine austrocknende Wirkung haben“, erklärt sie. Dazu Kompressen oder Baumwolllappen mit schwarzem Tee tränken (zwei Beutel auf 200 ml, 20 Minuten ziehen und abkühlen lassen) und auf die juckende oder entzündete Hautstelle legen. Der Teeumschlag sollte 10 bis 15 Minuten einwirken. Anschließend die Haut wie gewohnt eincremen.

Bei akutem Juckreiz können darüber hinaus polidocanolhaltige Präparate aus der Apotheke Abhilfe schaffen. Der Wirkstoff, der auch unter der chemischen Bezeichnung Macrogollaurylether bekannt ist, gehört zur Klasse der Lokalanästhetika und wirkt oberflächlich betäubend. Dadurch wird der Juckreiz gemindert.

Es liegen keine Daten aus hochwertigen Studien vor, die die Wirksamkeit von Polidocanol zur Linderung der Symptome bei Neurodermitis belegen, sagt Heratizadeh. Ein unterstützender Einsatz von Polidocanol zur Behandlung des Juckreizes könne aber aufgrund der klinischen Erfahrung durchaus erwogen werden. „Eine antientzündliche Therapie lässt sich durch Polidocanol allerdings nicht ersetzen.“

Eine wichtige Säule der antientzündlichen Therapie sind nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft sogenannte Glukokortikosteroide, wie etwa Hydrocortison zum Auftragen auf die Haut. „Diese Stoffe weisen eine rasche entzündungshemmende Wirkung bei Neurodermitis auf“, erklärt Heratizadeh. „Gleichzeitig mindern sie den Juckreiz erheblich und stärken die Funktion der Hautbarriere, sodass auch das Risiko für Komplikationen sinkt.“ In Europa gibt es innerhalb dieser Substanzgruppe vier Wirkstärken. Für die Behandlung von Kindern empfiehlt sie vor allem die Wirkstärken eins oder zwei. „Die Zubereitungen sind einmal, in bestimmten Fällen auch zweimal täglich aufzutragen, bis das Ekzem abgeheilt ist.“ Die Therapie sollte aufgrund möglicher Nebenwirkungen der Arzneimittel stets unter ärztlicher Kontrolle erfolgen.

Wenn die Symptome einer Neurodermitis schwer kontrollierbar sind, die eingesetzten Medikamente Nebenwirkungen verursachen oder solche befürchtet werden, aber auch wenn Fieber auftritt, die Haut nässt, Bläschen wirft oder sich offene Stellen bilden, sollten Eltern mit ihren Kindern in jedem Fall einen Arzt aufsuchen. „Diese Symptome können auf eine Superinfektion des Ekzems mit Bakterien wie Staphylococcus aureus hindeuten“, warnt die Expertin. „Zudem können Viren wie das Herpes-simplex-Virus zu einem bedrohlichen Krankheitsbild bei Neurodermitis führen, dem sogenannten Ekzema herpeticatum.“ Dabei kann die Infektion Heratizadeh zufolge auf das Gehirn übergreifen, sodass Eltern bei entsprechendem Verdacht rasch mit ihren Kindern einen Arzt aufsuchen sollten.


05.04.2017 09:18:43, Autor: Christina Müller / durchblick-gesundheit April-Juni 2017