Terminvermittlung

Gefloppter Service geht in die nächste Runde

Viele der Kassenärztlichen Vereinigungen haben neues Personal für die Terminvermittlung eingestellt. Nun haben die Mitarbeiter kaum etwas zu tun. In Thüringen etwa rufen jede Woche gerade einmal 56 Patienten an.
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Teuer, aber kaum genutzt: Dass die sogenannten Terminservicestellen ein überflüssiges Bürokratiemonster sind, darüber haben wir in dieser Zeitschrift schon einige Male berichtet. Nun liegen neue Zahlen vor, die diese Einschätzung bestätigen. „durchblick gesundheit“ stellt sie vor. 


Ginge es nach Dr. Andreas Gassen, würden die Terminservicestellen eher heute als morgen abgeschafft. Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) macht keinen Hehl daraus, dass er die im vergangenen Jahr per Gesetz eingeführte Terminvermittlung für überflüssig hält. So schlug er kürzlich vor, dass man für Fälle wie die Terminservicestellen überlegen müsse, ob man ein Gesetz nicht auch auf Zeit machen sollte, wie dies in den USA nicht unüblich sei. Funktioniert es nicht, läuft es aus.

Dass die gesetzlich vorgegebenen Terminservicestellen nicht gerade eine erfolgreiche Maßnahme sind, zeigen auch die aktuellen Zahlen, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung vorgelegt hat. Demnach haben die Terminservicestellen in ihrem ersten Jahr weniger als 120.000 Facharzttermine vermittelt. Auf den ersten Blick sieht das zwar nach einer ordentlichen Menge aus. Setzt man sie jedoch in Relation zu den insgesamt 580 Millionen Behandlungsfällen, die es 2016 in Deutschlands Arztpraxen gab, wirkt die Zahl verschwindend gering.

Die Gesamtzahl der Anfragen bei den Terminservicestellen könne man nach dem ersten Eindruck in drei Kategorien aufteilen, erklärt KBV-Chef Gassen: Ein Drittel der Menschen suche allgemeine Informationen, ohne einen Termin zu erfragen, ein Drittel habe nicht den nötigen Überweisungsschein und ein weiteres Drittel bekomme tatsächlich einen Termin bei einem Facharzt vermittelt. Heißt: Nur bei einem kleinen Teil der Patienten, die sich bei ihnen melden, können die Mitarbeiter der Terminservicestellen ihrer eigentlichen Aufgabe nachgehen.

Auch der Blick in die Länder zeigt, dass es sich bei den Terminservicestellen um ein Angebot handelt, auf das man durchaus verzichten könnte. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Berlin nennt die Terminvermittlung zum Beispiel „irrelevant“. Rund 500 Termine pro Monat habe die Servicestelle in der Hauptstadt im ersten Jahr vermittelt – bei 160.000 ärztlichen Behandlungen in Berlin pro Tag. Die „Wartezeitproblematik“ sei ein Scheinproblem, heißt es dazu aus der KV Berlin. Das für die Vermittlung ausgegebene Geld fehle den Ärzten in der Patientenversorgung.

Die KV Thüringen spricht von einer „zurückhaltenden“ Nachfrage nach den Diensten der Terminservicestelle. Im Schnitt erhalte die thüringische Servicestelle pro Woche 56 Anfragen von Patienten, die Hilfe bei der Terminsuche benötigten, sagt ein KV-Sprecher. Die so vermittelten Facharzttermine machten aber nur etwa 0,05 Prozent aller ambulanten Facharztbehandlungen in Thüringen aus. Ein Ansturm auf den Vermittlungsservice ist auch in Sachsen bisher ausgeblieben. 2016 sei 3.500 bis 4.000 Patienten geholfen worden, teilt die dortige Kassenärztliche Vereinigung mit.
In Sachsen-Anhalt wählen immer weniger Patienten die Nummer der Terminservicestelle. Anfang 2016 hätten noch nahezu 200 Patienten wöchentlich angerufen, schon im ersten Quartal sei die Nutzung aber zeitweise auf deutlich unter 100 Mal in der Woche gesunken, informiert die zuständige KV. Eine Zeit lang hätten die Zahlen zwischen wöchentlich 100 und 150 geschwankt. Zum Jahresende sei die Zahl der Anrufe rapide gesunken. Zudem hätten nur rund 61 Prozent der etwa 5.800 Anrufer die Bedingungen erfüllt. In Brandenburg wird die Terminvermittlung ebenfalls nur mäßig genutzt. „Die Stelle hat im vergangenen Jahr 2.260 Termine vermittelt“, sagt ein Sprecher der dortigen KV. Im selben Zeitraum habe es im Bundesland rund zehn Millionen fachärztliche Behandlungsfälle gegeben.

Von einer „geringen Inanspruchnahme“ der gesetzlich vorgegebenen Terminvermittlung berichtet auch die KV in Rheinland-Pfalz. 11.075 Anrufe seien im ersten Jahr bei ihrer Terminservicestelle eingegangen, nur 5.300 von ihnen hätten überhaupt einen Anspruch auf eine Terminvermittlung gehabt. Letztlich seien bis Ende vergangenen Jahres 4.665 Facharzttermine vermittelt worden. Die Differenz ergibt sich laut KV daraus, dass Patienten das Prozedere in einigen Fällen abgebrochen hätten.

Dass Patienten die ihnen vermittelten Termine sausen lassen, ist nicht unüblich. So berichtet die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) von 1.500 vermittelten Terminen, die Patienten im Rheinland im vergangenen Jahr nicht wahrgenommen hätten. Sie hätten sie entweder abgesagt oder seien teilweise einfach nicht in der Praxis erschienen. Den Vorsitzenden der KVNO, Dr. Frank Bergmann, wundert dieses Verhalten nicht: „Aus Patientensicht ist der vermittelte Termin ein Blind Date“, sagt der Ärztefunktionär. Denn der Patient bekomme über die Servicestelle einen Termin bei einem Arzt, den er meist nicht kenne. Die freie Arztwahl, eigentlich ein Grundrecht eines jeden Versicherten, sei dabei nicht vorgesehen. „Das entspricht aber nicht den Vorstellungen des Patienten und das ist ein Grund, warum vermittelte Termine nicht wahrgenommen werden“, vermutet Bergmann.

Auch die Servicestelle der KVNO hat 2016 nur eine relativ geringe Anzahl an Facharztterminen vermittelt, und zwar rund 9.700. Diesen standen im selben Zeitraum etwa 68 Millionen Behandlungsfälle gegenüber. Bergmanns Kommentar dazu: „Wenn man sich das mal genau ansieht, stellt man fest, dass es ein starkes Missverhältnis zwischen dem Getöse gibt, mit dem man die Terminservicestellen eingeführt hat, und den Terminen, die bislang vermittelt wurden.“ Auch der KVNO-Chef ist sich sicher: „Wir hätten diese gesetzgeberische Initiative nicht gebraucht.“

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe ist da natürlich anderer Meinung. Der CDU-Politiker findet, die Terminservicestellen seien eine „Stärkung der Patientenrechte“. Trotz geringer Nachfrage und aller Kritik wird es das Angebot also weiter geben – und zwar seit Kurzem in erweiterter Form. Denn seit April 2017 übernehmen die Servicestellen auch die Vermittlung von Terminen bei Psychotherapeuten.

05.04.2017 09:19:56, Autor: Sarah Knoop / durchblick-gesundheit April-Juni 2017