Mangel an qualifizierten Ärzten

Warum auch die Städte vor Problemen stehen

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Es ist inzwischen schon zur Normalität geworden: In diversen regionalen Tageszeitungen tauchen immer wieder Berichte über geschlossene Arztpraxen und ländliche Regionen mit Versorgungsproblemen auf. Auch wenn die Krankenkassen gern ein anderes Bild zeichnen: Der Ärztemangel hat längst Teile der Republik erreicht. Doch nicht nur in der Provinz sorgt diese Entwicklung für Probleme. Auch in den Städten könnten schon sehr bald mehr niedergelassene Ärzte notwendig sein, um die wohnortnahe Versorgung zu sichern.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Zi) hat in der Vergangenheit immer wieder die haus- und fachärztliche Versorgungssituation hierzulande analysiert. Ein Fazit der Wissenschaftler: „Eine Reihe von Gründen sprechen dafür, dass jetzt und künftig in den Städten mehr Praxen benötigt werden“, heißt es in einer Analyse.

Die Gründe für diese Entwicklung bleiben die Analysten nicht schuldig. Da wäre zunächst der demografische Wandel: Die Gesellschaft wird älter und urbaner, was einen höheren ärztlichen Versorgungsaufwand zur Folge hat – vor allem in Städten, denn dorthin wird es die Menschen auch weiterhin ziehen. Ein weiterer Punkt: Ärzte in der Stadt versorgen in erheblichem Maß Patienten aus dem Umland mit. Der Ärztemangel auf dem Land erhöht also massiv den Druck auf die Versorgung in den Ballungszentren.

Zu guter Letzt ermöglicht es der medizinisch-technische Fortschritt den Patienten, sich häufiger und umfassender in der Praxis behandeln zu lassen. Die Zi-Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zahl von Krankheiten, die Patienten künftig beim niedergelassenen Arzt statt im Krankenhaus behandeln lassen können, weiter ansteigt. In gleichem Maße steigt der Anspruch von Patienten an Behandlungskomfort und Kostenersparnis.

Was das alles konkret bedeutet, hat das Institut anhand von Modellrechnungen für rund 400 Kreise und kreisfreie Städte in Deutschland ermittelt. Das Ergebnis zeigt, mit welcher zusätzlichen zeitlichen Beanspruchung der niedergelassenen Ärzte aufgrund des demografischen Wandels in den nächsten 20 Jahren zu rechnen ist: Urologen, Augenärzte, Fachinternisten und Hausärzte führen demnach die Liste jener Facharztgruppen an, die in den kommenden Jahren bis 2020 und bis 2035 zeitlich stärker von Patienten beansprucht werden dürften als im Vergleichsjahr 2012. Im Bundesdurchschnitt wird die Beanspruchung der Urologen um 23 Prozent steigen, jene der Augenärzte um 20 und die der Fachinternisten um 15 Prozent. Für Hausärzte erwarten die Wissenschaftler vom Versorgungsatlas eine zusätzliche Beanspruchung von durchschnittlich 9 Prozent.

„Unsere Modellrechnung ist eine Möglichkeit, die zusätzliche Beanspruchung von Vertragsärzten abzuschätzen, die sich aufgrund der demografischen Entwicklung im Vergleich zu heute ergibt“, erklärt Dr. Mandy Schulz, die Erstautorin der Studie. Die Projektion zeige eine erhöhte Beanspruchung von Facharztgruppen, die hauptsächlich an der Behandlung älterer Menschen beteiligt sind. Ebenso resultiere daraus eine im Vergleich zu heute verminderte künftige Beanspruchung von Kinderärzten und Frauenärzten. „In jedem Fall führt der neue Index vor Augen, dass heutige Vorstellungen davon, welche Regionen über- oder unterversorgt sind, mit Blick auf die nahe Zukunft auf den Prüfstand gehören. Das gilt besonders dann, wenn zusätzlich berücksichtigt wird, dass der medizinische Fortschritt immer mehr ambulante Behandlungen möglich und immer weniger Krankenhausbehandlung notwendig macht“, kommentiert Dr. Dominik von Stillfried, Geschäftsführer des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung, die Untersuchung.

Der demografische Wandel in Deutschland vollzieht sich laut Stillfried nicht einheitlich. „Die wirtschaftlich starken Zuwanderungsregionen locken vor allem Jüngere an. Der Anstieg des Durchschnittsalters fällt dort geringer aus und wird ein paar Jahre in die Zukunft verschoben. Auf der anderen Seite stehen Abwanderungsregionen, die durch eine unterdurchschnittliche Wirtschaftskraft gekennzeichnet sind und zum Teil erheblich an Bevölkerung verlieren werden.“

In den Zuwanderungsregionen werde der Bedarf an vertragsärztlichen Leistungen vor allem aufgrund der steigenden Einwohnerzahlen generell wachsen. „Setzt dann die demografische Alterung dieser Bürger ein, steigen die Ansprüche an die ärztliche Versorgung erneut. Dies gilt etwa für den Großraum München, den Großraum Berlin sowie Regionen um Hamburg, Bonn, Frankfurt und Trier. Auch Regionen in West-Niedersachsen sowie in Teilen Baden-Württembergs werden davon betroffen sein“, prophezeit er. In Abwanderungsregionen steige der Altersdurchschnitt der Bevölkerung nach heutigen Vorausberechnungen stark an, da die jüngeren Menschen wegzögen. Die Älteren in diesen Regionen benötigten mehr Arztzeit je Patient.

Die Analyse zum Ärztebedarf

Die Modellrechnung des Zentralinstituts (Zi) zum Belastungsanstieg der Ärzte in den Praxen zeigt deutlich: Über zahlreiche Fachgruppen hinweg wird die Belastung der Ärzte in den Praxen künftig stark ansteigen.

Die Wissenschaftler rechneten mit dem Referenzjahr 2012 – und skizzierten die Entwicklung bis 2035. Demnach ist bei 7 der 10 betrachteten ärztlichen Fachgruppen eine deutlich stärkere Beanspruchung zu erwarten. Am stärksten unter Druck gerät danach die Fachgruppe der Urologen (+23 Prozent mehr Belastung). Es folgen die Augenärzte (+20 Prozent) und die Fachinternisten (+15 Prozent). Für die Fachgruppe der Hausärzte wird ein Zuwachs der Beanspruchung von durchschnittlich 9 Prozent erwartet. Lediglich die Beanspruchung von Kinderärzten und Frauenärzten geht der Analyse zufolge leicht zurück.

Bei der räumlichen Betrachtung fallen Regionen wie der Großraum Berlin-Brandenburg, Hamburg und München, aber auch eine Vielzahl von Kreisen Baden-Württembergs und Niedersachsens sowie nördliche und südliche Kreisregionen Nordrhein-Westfalens durch starke Belastungszuwächse im Vergleich zu den übrigen Regionen Deutschlands auf. Dort werden in der Zukunft besonders viele Ärzte benötigt. Weniger stark wird der Bedarf in der Mehrzahl der Kreise der neuen Bundesländer (ohne Großraum Berlin-Brandenburg) sowie im Saarland und Ruhrgebiet ansteigen.

Die regionalen Unterschiede sind dabei das Ergebnis des Effekts der regionalen Bevölkerungsentwicklung: Neben der demografischen Alterung spielt auch die Binnenmigration eine große Rolle.

Weitere Informationen finden Sie unter www.versorgungsatlas.de
Einig sind sich viele Experten darin, dass die Attraktivität der Arbeit in den Praxen erhöht werden muss. Nur so könne der Ärztenachwuchs für die Tätigkeit in der ambulanten Versorgung gewonnen werden. Neben einem Abbau überflüssiger Reglementierungen und bürokratischer Vorgaben spielt dabei auch das komplizierte Abrechnungssystem der niedergelassenen Ärzte eine Rolle: „Fakt ist, dass nach wie vor rund 20 Prozent der Leistungen, die niedergelassene Ärzte erbringen, nicht bezahlt werden. Da erzielen die Kollegen nicht den Preis, der im Abrechnungssystem eigentlich vorgesehen ist“, berichtet beispielsweise der HNO-Arzt Dr. Dirk Heinrich aus Hamburg, Vorsitzender des Spitzenverbandes Fachärzte Deutschlands (SpiFa). Ein im System aktiver „Budgetdeckel“ führe dazu, dass jede fünfte Leistung einfach unter den Tisch falle und sich für die Ärzte Leistung nicht mehr lohne. „Ich kenne keine andere Berufsgruppe, die immer 20 Prozent Rabatt auf alles geben muss. Das frustriert die Ärzte“, so Heinrich.

Doch woher soll das Geld kommen, um die Ärzte in den Praxen besser bezahlen zu können? Das Zentralinstitut hat einen Vorschlag: Es sieht Einsparpotenzial
in Milliardenhöhe bei den Kliniken: Mehr als 3,7 Millionen Krankenhausfälle könnten mit einer optimal koordinierten Versorgung bundesweit vermieden werden und die gesetzlichen Krankenkassen so in Milliardenhöhe entlastet werden“, lautet das Ergebnis einer Forschungsarbeit der Zi-Gesundheitsökonomin Prof. Dr. Leonie Sundmacher.

Die Wissenschaftlerin hat erstmals für Deutschland eine Liste mit Diagnosen erstellt, für die bei guter Behandlung in Arztpraxen die Krankenhausaufnahmen weitgehend vermeidbar sind. Das beteiligte Expertenpanel schätzt demnach rund ein Fünftel der stationären Behandlungen in deutschen Krankenhäusern als verzichtbar ein. Nach Sundmachers Berechnungen kosten diese vermeidbaren Krankenhausfälle jährlich etwa 7,2 Milliarden Euro.

Sundmacher: „Im Zuge des demografischen Wandels kommt der ambulanten Behandlung wachsende Bedeutung bei der Versorgung von chronisch kranken und multimorbiden Patienten zu. Ein wichtiger Qualitätsindikator für die ambulante Versorgung insgesamt ist die Zahl der vermeidbaren Krankenhausfälle – sie systematisch zu erfassen, ermöglicht erst eine effektive und effiziente Versorgung. Insgesamt entsprechen sogar 5,036 Millionen – 27 Prozent – aller Krankenhausfälle den sogenannten ambulant-sensitiven Diagnosen und wären somit potenziell besser für eine ambulante Behandlung geeignet.“

Dr. Andreas Gassen, Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), ergänzt daher eine Forderung an die Politik: „Politiker müssen die Voraussetzungen für eine gute und effiziente Versorgung  schaffen. Diese lässt sich an der Zahl vermiedener Krankenhausaufenthalte oder, anders gesagt, am Grad der Ambulantisierung messen. Die vorliegende Studie zeigt, dass eine effektive Behandlung im ambulanten Sektor die Anzahl der Krankenhausfälle reduzieren würde. Dies würde nicht nur die Qualität unserer Versorgung erhöhen, sondern auch erhebliche Kosten einsparen.“ Geld, das in den Arztpraxen zur Stärkung der Versorgung dringend gebraucht werde.


05.04.2017 09:22:24, Autor: Jan Scholz / durchblick-gesundheit April-Juni 2017