Organspende

Sofort die Mär von der Altersgrenze vergessen!

© RioPatuca Images/Fotolia.com
Tausende Todkranke hoffen auf eine Organspende. Die skandalöse Trickserei bei den Wartelisten hat die Spendenbereitschaft in Deutschland erschüttert. Dazu kommt, dass viele Seniorinnen und Senioren in einer älter werdenden Gesellschaft von einer Altersgrenze bei Organspenden ausgehen. Diese Mär bitte sofort vergessen!

Das ist wirklich so passiert. Ein Jung-Rentner, 67 Jahre alt, ist mit Frau und Hund zum Urlaub in Österreich. Er geht barfuß immer wieder über einen Holzboden und hat dann einen Holzspan tief in der Fußsohle. Eigenentfernungen scheitern, der Weg zum Arzt steht an. Der Senior fingert nach der Europäischen Krankenversichertenkarte, dabei fällt sein Organspendeausweis heraus. „Schmeiß ihn weg!“, sagt die Frau. „Du bist zu alt.“ Der Mann mit dem Span im Fuß (das Holzstückchen wird später vom Arzt gekonnt entfernt) ist verunsichert.

Hat er doch von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) pünktlich zu seinem 61. Geburtstag einen freundlichen Brief bekommen. Der Inhalt: Für eine Stammzellenspende, um Blutkrebspatienten zu helfen, für die er irgendwann einmal per Bluttest typisiert wurde, komme er altersmäßig nun nicht mehr infrage. Der Senior hat auch noch die Aussage im Kopf, dass es bei der Auswahl von möglichen Organspendern eine Altersgrenze irgendwo im sechsten Lebensjahrzehnt gibt. Allerdings ist seine Erinnerung bestenfalls Schnee von vorgestern. Denn: Eine Altersgrenze beim Organspenden gibt es nicht!

Die offizielle Homepage zum Thema (www.organspende-info.de) der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Köln zerlegt die Mär von der Altersgrenze auf ihrer Webseite in der Rubrik „Meine Fragen – FAQ“. Dieses Fenster anklicken und sich dann via „Häufige Fragen zur Organspende“ weiterhangeln. Das dritte Info-Paket lautet so:

Gibt es eine Altersgrenze für die Organspende?
„Nein, es gibt keine Altersgrenze. Entscheidend ist das biologische und nicht das kalendarische Alter. Auch die funktionstüchtige Niere eines 65-jährigen Verstorbenen kann einem Dialysepatienten wieder ein fast normales Leben schenken. Ob gespendete Organe für eine Transplantation geeignet sind, kann erst im Fall einer tatsächlichen Spende medizinisch geprüft werden.“ Das macht auch aus anderen Blickwinkeln Sinn. Arbeitnehmer in Deutschland sollen weit über die Marke von 65 Jahren hinaus arbeiten. Wer dafür fit ist, kann wohl auch Organspender sein. Und weiter: In vielen Sportvereinen boomt der Seniorensport mit Wettbewerbscharakter. In zahlreichen Urlaubsregionen tummeln sich rüstige Rentnerinnen und Rentner. Immer mehr Unis und Volkshochschulen  bieten spezielle Seniorenausbildungen an.

Die Kombination mit einer Patientenverfügung
Eines muss dabei klar sein: Ob man nach seinem Tod Organe spenden will oder nicht, ist eine sehr, sehr persönliche Sache. Ein Ja oder Nein ist von allen anderen ohne Widerspruch zu akzeptieren. Allerdings muss ein Ja zur Organspende kein Blankoscheck sein. Auch in der neusten Broschüre des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz zur Patientenverfügung nach dem richtungweisenden Urteil des Bundesgerichtshofs vom 6. Juli 2016 wird bei den Textbausteinen unter Punkt 2.9 auf die Organspende hingewiesen. Sie kann demnach zu Transplantationszwecken abgelehnt werden. Man kann per Patientenverfügung aber auch einer Organentnahme zustimmen. Zur Festlegung des Ablaufs wird dabei auf den ausgefüllten Organspendeausweis hingewiesen. Der erlaubt laut Rückseite zahlreiche Einzellösungen. Eine Variante: Organ- und Gewebespende, was von Kranken aktuell benötigt wird. Oder: Ausnahmeregelungen. Oder: präzise Vorgaben, welche Organe/welches Gewebe gespendet werden kann. Und: eine Delegation all dieser Fragen an eine Vertrauensperson.

Nun ist es im Zusammenhang mit der Organspende von Interesse, ob es Zahlen gibt, welchen Anteil Senioren an den tatsächlichen Spenden haben. Und inwiefern die älteren Mitbürger andererseits bei den Organempfängern vertreten sind. Hier liefert die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) die aktuellen Fakten. Laut gedrucktem Jahresbericht 2015 der DSO waren mehr als 30 Prozent der Organspender 65 Jahre und älter. Der Anteil der Seniorenspender wächst, ganz im Gegensatz zum Trend bei der Hauptgruppe (16–54 Jahre).

Zum Stichwort Empfänger sind in den DSO-Unterlagen zu den Transplantationszentren Grafiken mit Statistiken für jedes transplantierte Organ (Herz, Lunge, Niere, Leber, Pankreas) mit Altersangaben der Empfänger aus den letzten Jahren einzusehen. Die Senioren (65 Jahre und älter) stellen stets die kleinste Gruppe – bis auf eine Ausnahme: Bei den Nierentransplantationen sind sie mit mindestens 20 Prozent der Empfänger fast immer die zweitgrößte Gruppe. Spitzenreiter sind hier die Empfänger der Alterskategorie 16 bis 55 Jahre.

„old-for-old“-Transplationen bei Nierenerkrankungen
Der große Anteil älterer Mitbürger hat mit einem speziellen Projekt zu tun, das 1999 unter dem Stichwort „old-for-old“-Transplantationen eingeführt wurde. In diesem „Europäischen Senioren Programm“ (ESP) werden Nieren von Spendern von 65 Jahren und älter gezielt an Empfänger der gleichen Altersgruppe vergeben. Das geschieht sozusagen auf dem kurzen Dienstweg, im Gegensatz zur „normalen“ Organspende wird bei der Verteilung nur auf die Blutgruppenübereinstimmung geachtet.

Die Berliner Charité führt in einem Text dazu weiter aus: „Mögliche Unstimmigkeiten im Bereich der HLA-Antigene werden im Moment vernachlässigt. Das hat die Begründung, dass bei älteren Menschen das Immunsystem nicht mehr so stark aktiviert wird durch fremde HLA-AG. Durch diese Maßnahme ist es möglich geworden, die Wartezeit auf ca. 2 Jahre zu verkürzen, ein akzeptabler Zeitrahmen, der durch eine gute Dialysebehandlung überbrückt werden kann. (…) Wenn man ältere Menschen 6–7 Jahre auf eine HLA-Antigen identische Niere warten ließe, würde statistisch gesehen eine große Anzahl dieser Menschen diesen Zeitraum nicht überleben. Daher überwiegt der Vorteil den durch die ‚Missachtung‘ der HLA-Gene eingekauften Nachteil bei Weitem.“ Dass dies schwer nierenkranken Seniorinnen und Senioren entgegenkommt, liegt auf der Hand. Wobei andere Sicherheitsschleusen natürlich auch beim „old-for-old“-Programm geschlossen  bleiben. Allgemein gilt der Grundsatz, dass gewisse Vorerkrankungen eine Organspende ausschließen. In diesem Zusammenhang wird immer wieder auf bestimmte Infektionen (z. B. einen positiven HIV-Befund) oder akute Krebserkrankungen hingewiesen. Bei anderen Krankheiten entscheiden die beteiligten Ärzte auf der Basis aktuell erhobener Befunde, ob eine Organspende angegangen werden kann oder nicht.

Bei Gewebespenden teilweise doch Altersgrenzen
Schlussendlich soll auch noch auf die kleine Schwester der Organspende, die Gewebespende, hingewiesen werden. Dazu zählen nach vorliegenden Unterlagen: die Augenhornhaut, Blutgefäße, Haut, Herzklappen, Sehnen und Bänder, die Knochen und die Eihaut der Fruchtblase. Dieser Bereich schließt, was eine Altersgrenze angeht, den Kreis zur anfänglich erwähnten Knochenmarkspende. Für Gewebe wie Augenhornhäute und Knochen gibt es keine Altersgrenze. Aber: Sehnen und Bänder können offensichtlich nur bis zum Alter von 65 Jahren gespendet werden. Und: Für eine Hautspende wird eine Obergrenze von 75 Jahren angegeben.

04.01.2017 10:12:53, Autor: Jost Küpper / durchblick-gesundheit Januar–März 2017