Repräsentative Umfrage

Viele zufriedene Ärzte – doch es gibt auch Probleme

© infas/Ärztemonitor

Die große Mehrheit der niedergelassenen Ärzte in Deutschland hat Spaß an ihrer Arbeit und findet sie nützlich und sinnvoll. Das ergibt eine repräsentative Befragung. Dennoch ist längst nicht alles rosarot im Alltag der Ärzte.

Die Werte sind beeindruckend, zumindest auf den ersten Blick: Mehr als 90 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland sind mit ihrer Arbeit zufrieden. 96 Prozent von ihnen macht die Arbeit Spaß. 98 Prozent finden sie nützlich und sinnvoll. Und 85 Prozent der Befragten würden sich auch heute noch für den Arztberuf entscheiden.

Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von mehr als 10.000 niedergelassenen und angestellten ambulant tätigen Ärzten und Psychotherapeuten, die das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und des NAV-Virchow-Bundes durchführte. Nach 2012 und 2014 war es die dritte Befragung dieser Art. Der sogenannte Ärztemonitor gilt als größte Befragung niedergelassener Ärzte und Psychotherapeuten in Deutschland.

Solch hohe Zufriedenheitswerte seien charakteristisch für den Arztberuf, weiß infas-Geschäftsführer Menno Smid. Derartige Werte finde man in anderen Berufen nicht. Der Grund dafür sei, dass niedergelassene Ärzte in der Regel selbst entscheiden könnten, wie sie ihre Arbeit erledigten. Dieser Aussage stimmten immerhin 70 Prozent der befragten Ärzte zu.

Dennoch lohnt ein genauerer Blick auf die Umfragedaten. Denn der Alltag vieler Ärzte ist längst nicht so rosarot, wie die Zufriedenheitswerte es auf den ersten Blick vielleicht nahelegen. So beklagt immerhin mehr als die Hälfte der befragten Ärzte (56 Prozent), sie hätten im hektischen Praxisalltag zu wenig Zeit für ihre Patienten. Und 29 Prozent der Ärzte antworteten, sie fühlten sich durch ihre Arbeit ausgebrannt.

© infas/Ärztemonitor
Die schwierige Suche nach einem Nachfolger
Und noch etwas treibt vielen Niedergelassenen die Sorgenfalten auf die Stirn: die zuweilen mühsame Suche nach einem Nachfolger für die eigene Praxis (siehe Grafik). Beinahe jeder vierte befragte Arzt (24 Prozent) plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis an einen Nachfolger zu übergeben. Die große Mehrheit (71 Prozent) empfindet diese Suche als schwierig. Betroffen von diesem Problem dürften vor allem Ärzte in ländlichen Regionen sein. Denn vor allem in strukturschwachen Gegenden droht ein Ärztemangel, da kaum noch junge Ärzte bereit sind, sich auf dem Land mit einer eigenen Praxis niederzulassen. Sie zieht es mehr in die großen Städte oder in die Kliniken, wo sie dann als angestellte Ärzte Karriere machen können.

Etwas Entlastung gibt es dagegen laut den Umfrageergebnissen beim Thema Arbeitszeit. So arbeiten die Hausärzte nach eigenen Angaben im Schnitt 53,4 Stunden in der Woche. Zum Vergleich: Bei der Befragung 2012 waren es noch vier Stunden mehr. Bei den Fachärzten sank der Wert ebenfalls um vier Stunden auf 51,3. Allerdings liegt der Rückgang der Arbeitszeit nicht etwa darin begründet, dass die Ärzte plötzlich weniger Patienten zu behandeln hätten. Der Grund ist vielmehr, dass sich immer mehr Ärzte anstellen lassen. So stieg die Zahl der angestellten Vertragsärzte und -psychotherapeuten laut Ärztestatistik allein 2015 um 10,6 Prozent. Darüber hinaus gibt es immer mehr Ärzte, die nur in Teilzeit arbeiten.

Hausärzte sind zufriedener mit ihrem Einkommen als die Fachärzte
Wirtschaftlich geht es für die Mehrzahl der befragten Ärzte bergauf: „Die Befragungsergebnisse deuten auf eine deutliche Verbesserung der wirtschaftlichen Situation in den vergangenen Jahren hin“, sagt infas-Mann Smid. So gaben 70 Prozent der Hausärzte an, sie seien mit ihrem persönlichen monatlichen Einkommen zufrieden. 2012 waren es nur 58 Prozent. Dabei sind die Hausärzte zufriedener mit ihrem Einkommen als ihre Facharzt-Kollegen. Von denen waren nur 64 Prozent zufrieden mit ihrem Monatseinkommen (2012: 55 Prozent).

Zufrieden mit der wirtschaftlichen Situation ihrer Praxis sind laut der Umfrage zwei Drittel der Ärzte. Auch hier kommen die Hausärzte mit 73 Prozent auf einen höheren Wert als die Fachärzte (61 Prozent). Auffällig: Die Psychotherapeuten sind deutlich unzufriedener mit ihrem monatlichen Einkommen und der wirtschaftlichen Situation ihrer Praxis. Lediglich 45 Prozent von ihnen halten ihr Einkommen für angemessen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Bewertung der wirtschaftlichen Situation der Praxis: Nur 50 Prozent der befragten Psychotherapeuten waren damit zufrieden.

Für die Kassenärztliche Bundesvereinigung, Vertretung der rund 165.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland, sind die Umfrageergebnisse deshalb auch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen: „Wenn jeder dritte Arzt mit seinem monatlichen Einkommen nicht zufrieden ist, ist das ein Alarmsignal“, sagt der Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen. Man wolle sich daher auch künftig für höhere Honorare einsetzen.

Auch der Vorsitzende des Ärzteverbands NAV-Virchow-Bund, Dr. Dirk Heinrich, sieht beim Thema Einkommen Grund zur Sorge. Zwar sei die allgemeine finanzielle Zufriedenheit der Ärzte eine „gute Nachricht für die ambulante Versorgung und ein wichtiges Signal an die Adresse der nachrückenden Arztgeneration“. Allerdings verlaufe der Anstieg bei den Zufriedenheitswerten nicht für alle Fachgruppen gleich. Während die Hausärzte seit 2012 ein erfreuliches Plus verzeichnen konnten und die Fachärzte bei den Zufriedenheitswerten überholt hätten, hielten insbesondere die sogenannten grundversorgenden Fachärzte – also unter anderem Augen- und Hautärzte oder Urologen – bei dieser Entwicklung nicht Schritt. „Diese Kluft ist seit 2012 kontinuierlich größer geworden“, kritisiert Heinrich. Und dies mache sich dann am Ende auch bei der Suche nach einem Praxisnachfolger negativ bemerkbar.

04.01.2017 10:09:42, Autor: Marco Münster / durchblick-gesundheit Januar–März 2017