Gutachten zu Ärztehonoraren

Praxen finanziell kaum noch attraktiv

Einem freiberuflich tätigen Arzt in der eigenen Praxis ist es heutzutage kaum möglich, ein angemessenes Honorar zu erzielen, ergab das Gutachten
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Über die wirtschaftliche Situation der Arztpraxen im Lande wird zwar viel diskutiert – belastbare Zahlen gibt es jedoch wenige. Die Mär vom Porsche fahrenden Arzt hält sich daher ebenso hartnäckig wie Berichte über stetig wachsende Praxisumsätze. Die ungeschminkte Realität sieht jedoch ganz anders aus: Ein gesundheitsökonomisches Gutachten aus Bayern zeigt nun, wie weit Ärzte in vielen Regionen von einem angemessenen Honorar entfernt sind.

Offenbar war es selbst so manchem Ärztefunktionär unangenehm, die bedrückenden Zahlen an die Öffentlichkeit zu geben – schließlich könnte sich der Arzt in seiner Landarztpraxis fragen, warum die für ihn zuständigen Herren in den teuren Anzügen nichts gegen die prekäre Situation unternommen haben: Gegen den Widerstand aus den eigenen Reihen veröffentlichte die Ärztin Dr. Ilka Enger, Mitglied im Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, vor einigen Wochen das Gutachten über die Ärztehonorare. Prof. Günter Neubauer, Leiter des Instituts für Gesundheitsökonomik in München, hatte sich darin die Mühe gemacht, die Einkünfte der niedergelassenen Ärzte einmal ganz genau unter die Lupe zu nehmen. Das erschütternde Resultat: Einem freiberuflich tätigen Arzt in der eigenen Praxis ist es heutzutage kaum möglich, ein angemessenes Honorar zu erzielen.

Die Berechnungen bis zu diesem Fazit waren sehr aufwendig. Zunächst hat das Team um Prof. Neubauer die Kostenstruktur der Praxen analysiert: Es wurden rechnerische Musterpraxen für mehrere ärztliche Fachgruppen angelegt und die durchschnittlichen Ausgaben – von Fortbildungskosten bis zur Miete für die Praxisräume – zusammengerechnet. Dabei flossen die Daten aller namhaften existierenden Analysen sowie auch Auswertungen von Banken in die Berechnungen ein. Der Fokus lag dabei nicht auf extrem spezialisierten Ärzten. Die normale Haus- oder Facharztpraxis um die Ecke stand im Mittelpunkt. Das Team um Neubauer spricht von „konservativ tätigen Grundversorgern“. Im Gutachten heißt es wörtlich: „Die Musterpraxen sollen die Kostenstrukturen von Einzelpraxen aufweisen, die die medizinische Grundversorgung im ländlichen Raum sicherstellen.“ Die ermittelte Kostenspanne reicht von 147.400 Euro im Jahr (Allgemeinmedizin) bis 219.400 Euro (Orthopäde).

Im zweiten Schritt wurde ein „angemessenes Arzteinkommen“ ermittelt: Neben dem Gehalt eines angestellten Oberarztes im Krankenhaus als Ankerpunkt wurden auch Einkünfte anderer Freiberufler (Rechtsanwälte, Notare, Steuerberater) sowie das kalkulierte Einkommen von Honorarärzten herangezogen, um das unternehmerische Risiko abbilden zu können. „Als ein angemessenes Arzteinkommen für einen niedergelassenen Arzt in Deutschland wurde im Rahmen dieser Untersuchung eine Spanne von 159.544 Euro bis 175.136 Euro ermittelt“, heißt es im Gutachten. Das ermittelte Einkommen bezieht sich auf den niedergelassenen Vertragsarzt, der in Vollzeit Kassenpatienten versorgt.

Immer mehr Ärzte flüchten sich ausgebrannt in die Rente, statt als über das 65. Lebensjahr hinaus weiter für ihre Patienten da zu sein
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Klingt zunächst einmal nicht schlecht – doch es kommt, wie es kommen muss. Die Experten verrechneten Kostenstruktur und errechnetes Sollhonorar und stellten es der Realität in Bayern gegenüber. Das Fazit: Mit dem derzeitigen Honorar pro Patient und Quartal (dem sogenannten Fallwert) kann das angemessene Arzteinkommen im Durchschnitt in keiner Fachgruppe erreicht werden. „Bei der Berechnung der Höhe des notwendigen durchschnittlichen Fallwerts zur Erzielung eines angemessenen Arzteinkommens hat sich gezeigt, dass die Fallwerte in Bayern deutlich höher liegen müssten (...), damit Kostendeckung sowie ein angemessenes Einkommen erreicht wird“, ist in dem Gutachten zu lesen. Die Ökonomen sehen beim Fallwert je nach Fachgruppe „Deckungslücken“ von 90 Prozent bis 223 Prozent. Im Klartext: So stark müssten die Honorare pro Patient und Quartal eigentlich steigen, damit ein Arzt in der ländlichen Region ein angemessenes Einkommen erzielen kann.

Die alleinige Behandlung von Kassenpatienten reicht also nicht aus, um die Kosten der Praxen zu decken und ein angemessenes Arzteinkommen zu erzielen. „In der Behandlungsrealität werden allerdings nicht nur GKV-Patienten behandelt, sondern auch Privatpatienten, sodass die Zahl der insgesamt behandelten Patienten größer ausfällt als die alleinigen GKV-Fallzahlen“, räumen die Studienautoren dann ein – um nach weiteren Berechnungen zu einem zweiten, ernüchternden Fazit zu kommen: Auch bei Berücksichtigung von Privateinnahmen werde das angemessene Arzteinkommen in den Musterpraxen „zumeist weiterhin deutlich“ unterschritten.

Das Resümee der Studienautoren: „Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass das heutige Niveau der GKV-Honorare in Bayern zu gering ist, um eine betriebswirtschaftlich tragfähige Praxisführung in ländlichen Praxen sicherzustellen und ein angemessenes Arzteinkommen zu ermöglichen. Dies gilt auch, wenn man die zusätzlichen Fallzahlen und Einnahmen einbezieht, die sich aus Privatpatienten und Selbstzahlern ergeben.“

Für Dr. Ilka Enger, die die Veröffentlichung des Gutachtens vorangetrieben hat, liegt nun nahe, dass die Krankenkassen oder auch politisch interessierte Kreise versuchen, die Darstellung dahingehend zu nutzen, einmal mehr die Ärzte reflexartig als geldgierig abzustempeln. „Darum geht es aber in diesem Gutachten nicht. Es beschäftigt sich aus der rein ökonomischen Sicht mit der Fragestellung, warum es in Deutschland so schwierig ist, die Nachwuchs-ärzte als Nachfolger in die Praxen zu locken und es gibt durchaus unbequeme Antworten auf die Fragen, warum Ärzte inzwischen lieber ins Ausland oder in fachfremde Bereiche abwandern und warum sich Ärzte lieber ausgebrannt in die Rente flüchten, als über das 65. Lebensjahr hinaus weiter für ihre Patienten da zu sein – wie früher durchaus üblich“, so Enger.

Politiker erklärten auf Podiumsdiskussionen immer wieder gern, dass eine geänderte Einstellung des Ärztenachwuchses bezüglich „Work-Life-Balance“ oder „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ für die Nachwuchsprobleme verantwortlich seien. „Ich bin allerdings der Ansicht, dass dies nur die halbe Wahrheit über das Problem ist, in das die bundesdeutsche Gesundheitsversorgung gerät. Man mag trefflich darüber streiten können, wie viel ein angestellter Arzt im Krankenhaus verdienen darf und wie hoch das Honorar eines Arztes in der eigenen Praxis mit allen wirtschaftlichen Risiken ausfallen soll. Aber es muss auch gestattet sein, dass man diese Summen miteinander vergleicht und sie auch in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang mit anderen selbstständigen Freiberuflern stellt.“ Die ärztliche freiberufliche Tätigkeit müsse in Zukunft auch als unternehmerische Tätigkeit anerkannt und adäquat finanziell gefördert werden, wolle man die Versorgung durch unabhängige, nur dem Wissen und Gewissen verpflichtete Ärzte erhalten. „Die vorgelegten Zahlen und Berechnungen zeigen das ganze Dilemma einer derzeit unter- und fehlfinanzierten medizinischen Versorgung in Deutschland. In Befragungen von derzeit in Ausbildung befindlichen Ärzten zeigt sich, dass vor allem die finanzielle Sicherheit und Planbarkeit eine große Bedeutung für die zukünftigen Kollegen hat. Genau da haben wir ein Problem“, so Enger.

20.12.2016 21:20:44, Autor: Jan Scholz / durchblick-gesundheit Januar–März 2017